Empfehlungen

Die persönlichen CD-Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Sept 2016
Michael Lohse

Nessi Tausendschön: Knietief im Paradies

So schaut es also aus, das Paradies der Nessie Tausendschön: Da steht die Kleinkunstdiva im feschen Sommerkleid bis zu den Knien in einem trüben Tümpel, irgendwo auf dem platten Land zwischen Feldern und quakenden Fröschen. Dabei schaut sie ziemlich resolut und herausfordernd. Ganz in schwarz weiß ist das Cover gehalten, nur der Titel prangt in rosa: „Knietief im Paradies“. So heißt auch Tausendschöns aktuelles Bühnenprogramm. Doch das jetzt erschienene Album ist alles andere als das Nebenprodukt eines Kabarettabends: Fast die Hälfte der Songs kommt dort überhaupt nicht vor und die CD folgt einer komplett eigenen Dramaturgie. Die mit zahlreichen Preisen wie Salzburger Stier und Deutschem Kabarettpreis ausgezeichnete Kleinkünstlerin zieht darauf alle stilistischen Register ihrer Sangeskunst – und die sind zahlreich. Natürlich spielt sie ihr parodistisches Talent aus, schlüpft lustvoll in Rollen wie in „Armes Mädchen“, einer grandiosen Persiflage auf eine AfD-Anhängerin im bombastischen Rammstein-Sound, oder singt als naive Ludmilla mit russischem Akzent die hinreißende Polka „Ich hab mein Körper“. Aber Tausendschöns neue CD erschöpft sich keineswegs in musikkabarettistischen Kabinettstückchen, sondern beleuchtet vor allem ihre andere Seite: die der originellen und durchaus politischen Songwriterin mit feinem Sensorium für den Zeitgeist nämlich. Ob sie nun in zartem Hiphop-Sound den Jugendwahn aufspießt („50 ist das neue 30“) oder wunderbar ironisch die „Neue deutsche Leichtigkeit“ besingt. Vor allem um zwei thematische Schwerpunkte kreisen die zwölf Songs: um Deutschland und um Sehnsucht. Gleich mit dem Opener leistet Tausendschön ihren Beitrag zur Willkommenskultur mit „Willkommen to Germany“. Darin umreißt sie so knapp wie treffend das Lebensgefühl in Merkel-Deutschland: „Das schwarze Loch das hat Rautenform, darin verschwindet die SPD und auch der Widerstand, das ist enorm. Hier gibt’s keine Visionen, denn wir haben VW.“ Im Titelsong, einer wunderschönen und eingängigen Ballade mit schluchzendem Cello, outet sich die Sängerin dann als trotzige Idealistin: „Ich will die Welt verbessern und ich fange heute an“. Ihre paradoxe Begründung: „Es ist viel zu spät, ein Pessimist zu sein“. Soll heißen: auch wenn es für eine Rettung vielleicht schon längst zu spät ist, der dramatische Zustand der Erde lässt uns keine andere Wahl, als jetzt aktiv zu werden.

Paradoxien liebt diese Künstlerin. Das gilt auch für das andere Leitmotiv ihres neuen Albums – die Sehnsucht. Sehnsucht bedeutet für sie beispielsweise: „Ich möchte so gern wieder Mangel spüren, will sagen können, hey, wir hatten damals nichts.“ Tausendschön ödet die Sattheit einer Gesellschaft im Überfluss an, die Wegwerfmentalität und die hohlen Versprechen der Werbung, während man in Wahrheit nur noch Leere empfindet. „Sehnsucht nach Sehnsucht“ heißt denn auch ihr Song zu dem Thema, getrieben von dem Wunsch, überhaupt wieder etwas zu spüren. Gleichzeitig singt Tausendschön über ihre Süchte, wissend, dass in der Sehnsucht das Wort Sucht schon enthalten ist. „Herrin der Süchte“ möchte sie sein, nur beim Sex, da möchte sie gerne weiter schwach werden…

Es ist diese Mischung aus dem Bekenntnis zu depressiven Tendenzen und dem frechen Aufbäumen dagegen, aus Melancholie, Humor und Temperament, die Tausendschön so einzigartig und unwiderstehlich macht – und ihre neue CD ohne Zweifel zu einer der stärksten ihrer Karriere. So breit wie das emotionale Spektrum ihres neuen Albums, so abwechslungsreich kommt es auch musikalisch daher. Das Instrumentarium reicht von der singenden Säge über die Ukulele und satte Streicherarrangements bis hin zum Omnichord mit seinem Nostalgiesound der 70er Jahre. Vor allem aber hat Nessi Tausendschön keine Angst vor schönen Melodien. Poppig muss kein Schimpfwort sein, wenn das Resultat so sinnlich und abwechslungsreich klingt wie diese zwölf Songs, liebevoll abgemischt von Tausendschöns langjährigen musikalischen Weggefährten Paco Saval und William Mackenzie. Letzterer drückte der Produktion auch mit seinem lässigen, punktgenauen Gitarrenspiel den Stempel auf. Der Sound ist einfach zum Reinlegen – paradiesisch eben.

 

Con Anima

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