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Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
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Okt 2017
Michael Lohse, Köln

Eric Pfeil: 13 Wohnzimmer

So kann man auch Geschichte schreiben: Das neue Werk von Eric Pfeil ist das erste Album der Popgeschichte, das ausschließlich in fremden Wohnzimmern aufgenommen wurde. Die ersten drei Monate des Jahres ist der Kölner Musiker durch 13 deutsche Städte getourt, von Hamburg bis Oberammergau, um dort jeweils ein Konzert zu geben. Nicht in der Stadthalle, sondern in dem, was man zur Hochzeit des Bürgertums den Salon genannt hätte, nur dass der Wohnungsbau der Moderne so eine kulturelle Nutzung nicht mehr vorsieht. Für Pfeil hieß das: beengte Auftritte im Türrahmen oder auf Sofas und ein Mini-Publikum, das von den jeweiligen Gastgebern zusammengetrommelt wurde.

Und was sagt uns dieses Experiment? Ist es mehr als ein netter PR-Gag? Um es kurz machen: Ja, in der Tat, auch wenn die Musikgeschichte schon größere Revolutionen gesehen haben mag. Um Pfeils Intentionen zu verdeutlichen, muss man ihn nur zitieren, schließlich weiß der Kolumnist des »Rolling Stone« selbst am besten, wie man über Popkultur schreibt: „Es sollte eine Platte werden, die nicht nach zig Takes im Studio, Sound-Begradigung und technischer Amtlichkeit klingt“, heißt es im Booklet. Und von der Suche nach Momenten ist dort die Rede, „die einem gerade deshalb so ans Herz wachsen, weil sie am Perfekten vorbeischrammen.“

Damit zeigt Pfeil einen Mut zur Verweigerung, die »13 Wohnzimmer« bemerkenswert machen. Hier will sich einer wieder aufs Wesentliche konzentrieren in einer Zeit, in der die Prä-Demenz der Smartphone-Süchtigen grassiert. Nur Basics sind erlaubt: akustische Gitarre, Gesang und natürlich brillante Texte, bei denen sich wie an einer Kette aphoristische Perlen wie diese hier aneinanderreihen: „Um einen Sarg zu tragen, braucht man vier Leute, zum drinnen liegen nur einen.“

Die Songs sind nackt, Demo-Versionen bei weitgehendem Verzicht auf Arrangements, reduziert auf ihren kreativen Kern und ohne Inanspruchnahme nachträglicher studiotechnischer Schönheitschirurgie. Es gibt nur einen Take und der gilt. Viele Stücke seien, so Pfeil, erst kurz vor der Aufnahme fertig geworden. Ganz bewusst will der Liedermacher die Nervosität, das Premierenfieber nutzbar machen, um eine besondere Intensität zu erzeugen, die in der programmierbaren Tonstudio-Beliebigkeit zu oft verloren geht. Das Publikum quittiert die Darbietung spontan, egal ob mit spärlichem Applaus oder anfeuernden Rufen. Dieses Experiment kann man rückwärtsgewandt nennen. Und Pfeil selbst gibt im Opener unumwunden zu: „Ich bin ein Mann aus dem letzten Jahrhundert“. Seine Heroen waren unüberhörbar eher die anglo-amerikanischen Songwriter der 1960er und 70er Jahre als die DJs und Rapper des neuen Jahrtausends. Doch bei ihm hat die Pflege dieses Erbes so gar nichts erstarrt Museales. Er lüftet tief durch, spinnt Topoi und Motive von damals weiter und reflektiert sie in windschiefen Variationen. Statt „Heute hier morgen dort“ singt er „Ich bleibe erst mal hier, ich bleib ganz gleich was war, den ganzen Januar, den ganzen Februar und vielleicht das ganze Jahr.“ Die Zutaten sind dieselben wie bei Wader, doch er mischt sie neu zu einem surrealen "Post-Waderismus". Oder er schreibt eine Zeile wie „Die Zeiten werden härter, aber ich, ich bleibe weich“ (»Wecken«) die wie ein Nachklang von Biermanns »Du lass dich nicht verhärten« wirken. Dabei findet der 1969 in Bergisch Gladbach geborene für seine Mittvierziger-Grübeleien stets eingängige Bilder und Formeln, die sich im Kopf festhaken: „Nein der Feind ist nicht der Tod, der Feind ist nicht die Zeit, der Feind ist die Vergeblichkeit“ singt er in »Im regenärmsten Tal der Welt«.

Allen ernüchternden Befunden zum Trotz ziehen einen Pfeils Gesänge niemals runter, davor schützt schon sein absurder Witz. Wenn er etwa eine schräge Geschichte von zwei Statisten in einem Italo-Western erzählt, die gegen ihre geplante Erschießung rebellieren (»Zuckergewehr«) oder wenn er die Aufarbeitung einer verfahrenen Beziehungskiste (»Kino«) in der recht überraschenden Schlussfolgerung gipfeln lässt: „Es liegt daran, dass wir nicht mehr ins Kino gehen“.

Bei manchen Songs zwar bleiben die Themen allzu vage, wirken die Assoziationen nur notdürftig zusammengehalten vom Schrammelkorsett des Viervierteltakts. Dann ermüden die scheinbar unablässig Pfeils Phantasie entspringenden schiefen Metaphern ebenso wie sein allen großen Emotionen misstrauender Gesang. Doch der "Mann aus dem letzten Jahrhundert" ist Profi genug, um an den entscheidenden Stellen für Abwechslung zu sorgen: mal weckt einen ein Background-Chor aus der Lethargie, mal entfachen Geige und Akkordeon etwas Lagerfeuerglut. Und oft entfaltet gerade die Monotonie eine besondere Magie. 13 Wohnzimmer – alles in allem ein Pfeil der ins Schwarze trifft. .



Weitere Informationen:
https://eric-pfeil.squarespace.com

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