Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Okt 2018
Michael Lohse, Köln

Lennart Schilgen: Engelszungenbrecher

Bei dem Vornamen lag die Berufswahl wohl nahe: Wenn man schon Lennart heißt wie Leonard Cohen, ist die Songwriter-Karriere so gut wie vorgezeichnet. Erst recht, wenn man dazu noch so viele Pfunde in die Waagschale werfen kann wie Lennart Schilgen: Poesie und schrägen Humor, unwiderstehliche Ohrwürmer und sprachliche Virtuosität. Der 1988 geborene Berliner ist ein Könner auf der Gitarre ebenso wie auf dem Klavier. Vor allem beherrscht er die Kunst der Verblüffung und das Spiel mit den Erwartungen – ob er eine Songzeile mit den Worten beginnt: „Ich habe heute so viel vor“, um schließlich hinzuzufügen „mir her geschoben“ (»Liegenbleiben-Blues«) oder ob er mit heller, zarter Stimme das paradoxe Bekenntnis macht: „Ich bin Shouter in einer Black-Metal-Band“.

Schilgens Spektrum ist beträchtlich – ob thematisch oder musikalisch. Er singt über mehr oder weniger glückliche Beziehungen (eher letzteres), erzählt Geschichten von Losern und verhinderten Revolutionären oder gibt Tipps für Fußball-Fans. Epische Sechsminüter beherrscht er ebenso wie knackige Kurzsongs, die gern auch mal albern sein dürfen so wie sein Statement: „So lang du rauchst, pupse ich so viel ich mag“.

Mit seiner frischen Ausstrahlung erinnert Schilgen an den jungen Reinhard Mey, mit dem ihn ja auch die Heimatstadt Berlin verbindet. Unüberhörbar beeinflusst hat ihn außerdem die Rockmusik der 60er Jahre. Mit 15 gründete Schilgen die Band Tonträger, die bis heute existiert. Dort erarbeitete er sich sein stilistisches Repertoire, das von Blues bis zu mitreißendem Rockabilly reicht, und seine Fähigkeit, eingängige Melodien zu erfinden. Auch sein abgebrochenes Literaturstudium macht sich bemerkbar, wenn er »ottos mops« von Ernst Jandl in eigenen Variationen parodiert.

Aus gutem Grund hat Schilgen sein Debütalbum mit dem genial vieldeutigen Titel »Engelszungenbrecher« vor Publikum aufgenommen, denn der Sänger verfügt über erhebliche Entertainer-Qualitäten. Seine Schlagfertigkeit und sein Gespür für Pointen machen ihn zum Wanderer zwischen den Welten von von Liedermacherei und Comedy, wobei er nichts gemein hat mit der Substanzlosigkeit vieler "Nightwash"-Blödelbarden. In seinen feinsinnigen Texten bildet meist ein markanter Halbsatz, eine alltägliche Wendung wie „was mir fehlt“ oder „in der Hand“ den Ausgangspunkt für Strophen, die diesen Kern unterschiedlich beleuchten und in überraschende Zusammenhänge übertragen. Dabei hört man Schilgen an, dass er sein Handwerk ebenso wie Bodo Wartke oder Sebastian Krämer in Christoph Stählins Liedermacher-Schule SAGO gelernt hat. Im Unterschied zu Wartke allerdings verzichtet Schilgen auf politische Botschaften und Moralpredigten. Lieber frönt er seiner Liebe zum Absurden und zur Selbstironie. Wie wohltuend, dass da endlich mal einer dazu steht, dass er einfach ein gewitzter Unterhalter ist, der einen mitnimmt auf die Reisen seiner surrealen Phantasie – es muss ja nicht jeder politische Leitartikel vertonen!


Mehr Informationen:
www.lennartschilgen.de

Tongue Twist Records

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