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Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
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Juni 2018
Dieter Kindl, Kassel

Amalia Chikh: Isch bin jetzt ein Superstar

Äußerlich betrachtet ist das Debütalbum »Isch bin jetzt ein Superstar« von Amalia Chikh eher schlicht gehalten: Eine Papphülle beherbergt die CD, auf der Vorderseite prangt das Konterfei der Sängerin vor verschwommener Großstadt-Kulisse und insgesamt sind nur acht Lieder auf dem Tonträger zu finden.

Die haben es aber in sich. Textlich wie musikalisch. Die in Berlin lebende Französin hat ihren eigenen, besonderen Stil gefunden. Dazu gehören auf der einen Seite nachdenkliche, auch gerne Mal provozierende Texte und auf der anderen Seite die Mischung von verschiedensten Musikstilen wie beispielsweise Jazz oder Walzer mit orientalischen Elementen. Neben dem Klavier von Amalia Chikh, einem Schlagzeug und Kontrabass kommen noch Trompete, Posaune und Cello zum Einsatz. Manchmal klingt das melodisch, manchmal schrill - ebenso wie Amalia Chikhs Stimme mit ihrem wunderbaren, französischen "accent".

Im titelgebenden Opener nimmt sie die Superstars von heute aufs Korn. „Scheiß auf die Moral“ heißt es da und an anderer Stelle „Ich bin ein Produkt des Konsums, verkauft für den Ruhm“. Das Ganze kommt als jazzige Up tempo Nummer daher, was die karikierende Aussage des Textes enorm unterstreicht. Beim darauf folgenden Stück »Die Falte«, bei dem es um den Zwiespalt zwischen Älterwerden und Jungbleibenwollen geht, wird zynisch gefordert, diese ersten Anzeichen des fortschreitenden Alterns mit allen Mitteln zu beseitigen. Melodisch kommt es als Blues im Walzertakt daher.

1999 ist Amalia Chikh von Paris nach Berlin gekommen, als Austausch-Studentin, hat Geschichte und Anthropologie studiert. Später hat sie im Kulturbereich gearbeitet, hat Konzerte organisiert, Festivals ebenso. Sie hat in einem Jodel-Chor gesungen und irgendwann entdeckte sie ihr Talent Chansons zu schreiben. Das erste Lied entstand - am Anfang noch auf Französisch. Dann auf Deutsch, weil sie wollte, das das Publikum ihre Texte, ihre Botschaften versteht. Denn hinter ihren Liedern versteckt sich oft soziale Kritik.

»Die Dame« ist ein solches Stück. Schnell wird klar, dass es sich nicht um eine Dame im landläufig bekannten Sinne handelt, sondern um eine Frau, die obdachlos ist. Ihre Heimat ist der Bahnhof. „Die Züge fahrn an mir vorbei, doch ich steige nicht mehr ein“ lautet ihr ernüchtendes Resümee. Dennoch versinkt sie nicht im eigenen Mitleid. Amalia Chikh ist es gelungen, das Thema Altersarmut würdevoll und ohne Klischees zu beschreiben - für mich ist es das eindrücklichste Lied auf dieser CD.

Lieder, die zum Nachdenken anregen und Musik, die sich nicht an eingefahrene Hörgewohnheiten anlehnt, haben mich schon immer begeistert. Amalia Chiks Chansons gehören fortan dazu.


Mehr Informationen:
www.amaliachikh.de

Silberblick-Musik

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