Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Juni 2017
Michael Laages

Kai & Funky von Ton Steine Scherben mit Gymmick: Radio für Millionen

Sie haben die Legende überlebt – und feiern auf sehr eigene Weise den vor gut zwei Jahrzehnten viel zu früh verstorbenen Helden einer Epoche, die lange vergangen zu sein scheint. Aber ist sie das wirklich? Kai Sichtermann und Funky K. Götzner spielten schon Bass und Schlagzeug mit Rio Reiser im Band-Projekt „Ton Steine Scherben“, gegründet vor über viereinhalb Jahrzehnten, mittendrin in den Echowellen der aufständisch-widerständigen Spät-Sechziger-Jahre; auf der jetzt von Sichtermann und Götzner initiierten Doppel-CD mit Liedern von Rio Reiser und aus dem „Scherben“-Repertoire stehen die provokativen und polemischen, aber immer extrem kraftvoll-persönlichen Texte von damals noch einmal auf dem Prüfstand. Und sie bestehen umstandslos den Test auf Gegenwärtigkeit und Zeitgenossenschaft.

Reiser (bürgerlich: Ralf Christian Möbius, Jahrgang 1950) wurde zum Poeten der Ausgegrenzten und Nicht-Privilegierten: Lehrlinge (so hießen Azubis damals noch!) in ausbeuterischen Ausbildungsverträgen, Arbeits- und Obdachlose, Menschen am Rand vom gutbürgerlichen Milieu deutscher Nach-Wirtschaftswunde-Zeit wurden für den Musiker und Song-Schreiber zu Zentren für den eigenen poetischen Horizont. Zugleich mischte er dieses Engagement für all jene, die viel zu selten zu Wort kamen, mit dem selbstquälerischen Blick nach Innen, auf Liebe und Einsamkeit. Die Zeit spielte immer mit - aber für ihn eben nicht, um hinter ihr die eigenen Verzweiflungen zu verstecken.

Das ist das große Lieder-Erbe des Rio Reiser; und die Freunde und Kollegen von damals beschwören es ganz sachlich und kompetent, ohne Gehudel und allzu viel Verehrung.

Das Ensemble um Sichtermann und Götzner bewährt sich auch live – das zeigt die zweite CD im aktuellen Doppelpack, die ein Konzert aus dem „Komm“ in Nürnberg dokumentiert, dort, wo Sänger, Schauspieler und Comic-Autor Gymmick (eigentlich Tobias Hacker) zu Hause ist. Er hat natürlich den schwierigsten Part – Lieder zu singen, die in der Erinnerung für immer dem Vor-Sänger Rio gehören. Dass Gymmick ihm nahe kommt, ist unüberhörbar; und die Produktion (inklusive Ur-Produzent Nikel Pallat) war mutig genug, neben den neuen Versionen alter Songs und neuen Liedern im alten Geist sogar ein originales Rio-Reiser-Demo unterzubringen. Spätestens da wird aber klar, dass es einfach gar nichts nützt, die Ikone zu imitieren – dass Gymmnick ganz Gymmick ist, live und im Studio, ist die klügste Verbeugung vor dem Erbe.

Und das gilt für das ganze kleine Paket. Wer erben lernen möchte, ist hier unbedingt richtig – denn ganz ohne Verklärung lässt „Radio für Millionen“ nach den Widerständigkeiten heute fahnden, die sich gegen den treudeutschen Mainstream der Gegenwart wenden. Rios Freunde von damals und heute werden schnell fündig bei Aufruhr und Meuterei, ganz und gar von hier und heute.


Weitere Informationen:
http://kivondo.de/scherben-akustisch.html

Fuego

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