Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Juli 2017
Harald Justin

Sibylle Kefer: Hob i di

Wer Poesie noch immer für Krampf im Klassenkampf hält, hat wahrscheinlich weder von Poesie, noch vom Klassenkampf etwas verstanden. Was die Sängerin und Gitarristin Sibylle Kefer, die dieses Album unter behutsamer Mitwirkung von Größen der Neuen Wienerliedszene wie dem Sänger, Gitarristen und Poeten Ernst Molden, dem Akkordeonisten Walther Soyka und Zitherspieler Karl Stirner in Wien einspielte, von Politik versteht, ist schwer einzuschätzen. Von Poesie, die im Privaten, das ja auch nicht so ganz unpolitisch sein soll, angesiedelt ist, versteht sie jedenfalls eine Menge. Jedenfalls dann, wenn man sich als Dialekt Unkundiger und lediglich hochdeutsch Sprechender nicht täuschen lässt von diesem weich-warmen Dialekt, in dem sie singt und der allemal hübsch poetisch klingt und Fremden schon per se als besonderer Verfremdungseffekt in Richtung dunkler poetischer Unverständlichkeit vorkommt. Wiener hören diese zwölf Lieder wahrscheinlich anders: Nicht als gekünstelte Poesie, sondern als Lieder, in den die Kefer halt so singe, wie „ihr der Schnabel gewachsen“ sei. Ob nun Poesie mit gekünsteltem Verfremdungseffekt oder als eher natürlich gehaltener Ausdruck von Alltagserfahrungen, den Liedern haftet allemal eine Wärme und melancholische Grundstimmung an, die geeignet sind, innerliche Verhärtungen aufzuweichen. So singt sie denn von Abschiednehmen, vom Traurigsein, von Begegnungen mit alten Freunden, von der Geschmeidigkeit der Katzen, vom Kartenschreiben und vom Schlaf („Schlof“) und seiner Kraft. Im Hintergrund knarzt mitunter dezent die E-Gitarre, Moll wird großgeschrieben, wo sich mitunter Wienerlied- und Jazzelemente begegnen, und wenn sie singt „d kaffeemaschin mocht blosn und /die kloane ko nit schlofm“, dann denkt man nur an die Vertrautheit dieser Situation und freut sich, dass es MusikerInnen gibt, die für eigene Alltagserfahrungen Worte finden, die nicht schablonenhafte Parolen sind.

 

Weitere Informationen:

www.sibyllekefer.at

 

 

hob i di

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