Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Nov 2018
Wolfgang Rumpf, Bremen

Cynthia Nickschas & Friends: Egoschwein

Wenn es ein deutsches Pendant zur Nouvelle-Chanson- und Swingcombo Zaz aus Paris geben würde, dann käme unbedingt Cynthia Nickschas und ihre Friends, ihre bunte fünfköpfige Band, in Frage. Denn auch hier bestimmt launiger Swing in bester Django-Reinhardt-Manier den Grundton, unterbrochen mal von eine folkgetränkten Ballade zum Finale (»Nein!«) oder einem Heavy-Rock-Gitarrenrif wie bei »Wie so oft«. Das Album der 30jährigen Ex-Straßenmusikerin bietet jede Menge überraschender Wendungen in der (im Refrain oft mehrstimmigen) Melodieführung, griffige Soli (Saxophon, Piano) mit viel Jazztouch, sorgfältige Arrangements und zum Teil abenteuerliche Gesangspassgen wie bei »Eigentlich«.

Dominant und charismatisch ist dabei Cynthia Nickschas rauchig-kratzige Stimme, die es vor allem schafft, Text und Musik zu einer Einheit zu verschmelzen. Der Text trägt die Musik – und umgekehrt, was für sich ein kleines Kunststück darstellt. Apropos Texte: Es werden hier keine gängigen romantisch-melancholischen Folklorebilder gezeichnet, sondern es geht um kluge Reflexionen und Ausbruchsversuche aus dem Gefüge der Realität. Darin einbezogen sind nicht nur die verwegenen Träume von einem entspannten Alltag in einem sommerlichen Griechenland oder in Holland am Strand, sondern vielmehr der Horizont einer sich selbst und andere beobachtenden Künstlerin inklusive des Lebens mit der Band auf Tour: „Musik ist meine Ruhe und Zuflucht“ heißt es im locker improvisierten Eröffnungsstück »Musik«, im Finale »Nein!« singt sie: „Fehlt mir Ruhe, hab ich Wut, tut Musik mir einfach gut.“ Klingt zunächst banal, findet sich aber in einem durchaus anspruchsvollen künstlerischen Kontext. Dass sich Cynthia Nickschas auch weit weg von gängigen Liedermacherinnenklischees bewegt, zeigen auch die mutige Ausflüge ins Umgangssprachliche, denn da ist etwas schon mal "krass" oder "megahart", auch Fresse, Scheiße oder Fuck findet durchaus Platz im Repertoire. Einmal spielt sie mit einem alten Juliane-Werding-Baustein („Wenn Du denkst, du denkst“ im Titel »Alles gleich Mensch«), formuliert hier aber keine betagte Schlagerweisheit über das Leben als Mädchen, sondern präsentiert einen Swing voller heiterer Verzweiflung, der in die Nachricht mündet: „Wie sind alle gewachsene kleine Kinder, die irgendwo irgendwen lieben.“ Egoschwein: Ein freches und erfrischendes Album. Zaz auf deutsch – Chapeau!


Mehr Informationen:
www.cynthiaandfriends.de

Kick the flame

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