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März 2019
Tom Schroeder, Mainz

Charly Schreckschuss Band: Was Nun - Was Tun?

Er hat den Blues schon etwas länger – und einen Hang zum Handfesten. Rainer Beutin, 1951 in Rendsburg geboren, kümmerte sich als Medizinischer Bademeister und Masseur erfolgreich um Patienten, die es (wie du und ich) im Kreuz haben, er wurde Experte für übelste Problemzonen wie das Iliosakralgelenk und berüchtigte Muskeln wie den Piriformis.
Als Gründer, Leader, Sänger, Gitarrist, Komponist, Texter, Moderator und Mädchen für alles nennt er sich Charly Beutin und bläst seit vier Jahrzehnten der Charly Schreckschuss Band ihre guten Geister ein. Geburtsjahr der Band war 1978, in diesen Tagen feiert sie mit Live-Konzerten und einem neuen Album ihr Jubiläum 40 Jahre Charly Schreckschuss Band.

Die neue CD/LP, die zwölfte seit 1981, heißt Was Nun – Was Tun?. Im Titelsong geht es um eine Zweier-Beziehungskiste, von der nicht klar ist, ob sie in die Grube fährt oder in eine bessere Zukunft. Eindeutiger dagegen wird es in der Männer-und-Frauen-Nummer: „Männer und Frauen / passen nicht zusammen – nur in der Mitte / sagt meine Schwiegermutter.“

Die Musik der zwölf Songs wird im schnörkellosen, gut recherchierten Begleittext von Joachim Pohl so auf den Punkt gebracht: „Aus voller Kehle – mit dem typisch gitarrenbetonten Schreckschuss-Sound. Es groovt, es hämmert, es spielt, es stampft. Herrlich! Mit ihrem Cocktail aus R&B, Soul, Blues, Cajun und der großen Konstante Boogie haben sie uns schnell gepackt.“

An gleicher Stelle sind Sätze zitiert, die Manfred Miller, Blues-Chronist und Erfinder des Lahnsteiner Bluesfestivals, in einem Brief an Beutin schrieb: „Du kommst immer wieder verdammt nah an den Punkt heran, wo im Blues der Unterstrom von uralter Musik-Magie zu Tage tritt, mit Mojos und Voodoo, mit Unterbewusstsein, kollektiv Unbewusstem und dem ganzen Budenzauber.“ Eine Menge Holz. Mehr davon, so detail- und materialreich wie in sonst keiner anderen deutschsprachigen Veröffentlichung zum Thema Blues, findet man im jüngsten Buch von Manfred Miller: Um Blues und Groove, Heupferd Musik Verlag, Dreieich, 2017.

Blue blüht der Enzian – so heißt ein feiner Aufsatz über die Spuren, die afroamerikanische Musik (insbesondere Swing, Boogie und Blues) im deutschen Schlager nach 1945 hinterlassen hat. Autor: Christian Pfarr, umtriebiger Mainzer Musikwissenschaftler und SWR1-Redakteur. Pfarr hat so manches blaugefärbte Überraschungsei gefunden, in seinem Swing-Club treffen sich z.B. der Seemann Mäcki (Evelyn Künneke; Rita Paul/Bully Buhlan) und der Theodor im Fußballtor (Theo Lingen) mit der Zuckerpuppe und der OhneKrimiMimi des großen Bill Ramsey (In: Michael Rauhut/ Reinhard Lorenz (Hg.). Ich hab den Blues schon etwas länger. Christoph Links Verlag, Berlin, 2008).

Ich kann mich gut an einen Schlager erinnern, den Bill Ramseys Freund Paul Kuhn geschrieben und den 1957 Ralf Bendix gesungen hat. 1969 übernahm die Chanson-Sängerin und Pianistin Fifi Brix den Song, ein zeitloses, ebenso bluesiges wie blaues Stück: Jonas, warum trugst du keine Brille, du wärst heute noch bei mir. Sieh, so mancher fährt mit zwei Promille. Doch du, Jonas, hattest vier.

Nach dem Siegeszug von Beat und Rock und dann auch den American Folk Blues Festivals ab 1961 steht der Blues als musikalische Formel hierzulande zur allgemeinen Verfügung. Inzwischen haben sich viele seiner bedient, gern auch in deutscher Sprache, ob Hochdeutsch oder Dialekt.

Nur ein paar Namen derer, die seit den 1970er-Jahren mit dem Zwölftakter Blues in deutscher Zunge ganz gut gefahren sind: Schobert & Black, Michael Bauer, Gerd Birsner, Hannes Wader, Bodo Kolbe, Billy Crash aus der akustischen Abteilung. Halbakustisch, um nicht zu sagen folk-rockig, kamen uns dann z.B. Bernie Conrads, Stefan Stoppok, Dany Dziuk sowie die DDR-Kollegen Stefan Diestelmann und Engerling. Bei Joy Flemings genialem Neckarbrückenblues von 1972 wurde es dann etwas heftiger und poppiger: Blues als „realistische Unterhaltungsmusik“ (Manfred Miller).

Seit gestern oder vorgestern, also seit den späten 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, gibt es Chicago Blues auch auf Einheimisch. Deutschsprachige Sänger-Komponisten besorgen sich im Elektrofachhandel (manchmal auch bei der Starkstromindustrie) Power für ihre Gitarren – Bands wie Das Dritte Ohr (Hildesheim), Toschos Blues Company (Osnabrück) oder das Jürgen-Kerth-Quartett (Erfurt). Und eben Beutins Charly Schreckschuss Band.

Man könnte Blues mit einer Pizza Margherita vergleichen, die man, je nach Gusto, belegt mit Peperoniwurst, Artischocken oder Sardellen. Und gelegentlich mit Matjes oder Kutteln – wie bei Charly Schreckschuss.

Rainer Beutin („Ich komme von ganz unten“) konnte gar nicht anders als Deutsch zu singen, Englisch gab es nicht auf der Volksschule, auch nicht auf der Mittelschule. Und auf Endreime war unser Dichter nie besonders scharf. Die ersten Sporen verdiente er sich als 14-Jähriger, da spielte, schnackte und sang er in örtlichen plattdeutschen Theatergruppen.

Ein Song liegt mir bis heute im Ohr, den hat Rainer 1981 auf seinem ersten Album in meine Blues-Sendung auf hr3 (vermutlich Top Time) mitgebracht. Langsames, beißendes Gitarrenintro, dann dieser bis dato unerhörte, blaffende Sprech-Gesang: „Mein Telefon
klingelt, Muddy Waters ist auf der andern Seite dran...“

Die charakteristische Einheit von Singing & Talking, diesen typischen Schreckschuss-Rhythm "n" Blues-von-tuhuus pflegt er bis heute. Man hört das z.B. in der Geschichte Großer weißer Vogel, einer modernen, durchaus politischen Fabel vom Fressen und Gefressenwerden, von den Armen, die es ohne die Reichen nicht gäbe. Ein ganz starkes Stück.

Rainer Charly Beutin kann beides: Entzaubern und Verzaubern – ein Unterhaltungskünstler, der schon dafür sorgt, dass der Bär genug zu steppen hat. Und der seit drei Jahrzehnten auch gegen die neuen Nazis hierzulande singt. In seinen aktuellen Konzerten behauptet der Witzbold: „Wir haben Auto und Kühlschrank. Aber ansonsten sind wir kurz vorm Mittelalter“.

Track 5, Titel Einmal, beginnt mit einem wiederholten Funk-Riff und wird dann zu einer Midtempo-Popnummer, da träumt er einen schönen Traum: „Einmal aufwachen, ohne den gestrigen Schmerz zu begrüßen. Die Treppe runterlaufen und jede zweite Stufe überspringen. Einmal noch dieses Gefühl nach dem ersten Auftritt im PÖ haben. Wow, jetzt werde ich doch noch Rockstar, Ooohhh ich werde Rockstar.“
Rockstar wird er ganz bestimmt nicht mehr. Von denen gibt’s eh genug, ein paar Beutins mehr dagegen würden uns nicht schaden.

Zwar ist er schon ab 1979/80 im Onkel PÖ aufgetreten, drei Jahrzehnte später dann sogar beim Festival in Wacken und kurz danach beim Hamburger Hafenkonzert im NDR. Das ist gut für die Haushaltskasse, gut für"s Ego, nur ist das nicht die Regel. Die sieht eher so aus, dass immer mehr Spitzenmusiker, z.B. von der Qualität der Schreckschuss-Band, in Richtung Altersarmut improvisieren müssen. „Ich will ja gar kein Rockstar werden“, sagt Charly Beutin, „ich möchte nur die Band dahin bringen, dass die Herren in Ruhe schlafen können und nicht nachts an die Zahlung ihrer Miete oder Krankenkasse denken müssen“.

Seit den Anfängen der Schreckschuss-Band hat er es als Talentscout und Leader immer wieder geschafft, ein paar der besten Bluesikanten des Landes zu finden und zu einer Spitzengruppe zusammenzuführen. Aber auch die richtig Guten müssen in Konzerten immer öfter „auf Hut spielen“, da geht, nach freiem Eintritt, zum Schluss der Klingelbeutel rum.

Rainer Beutin wird im Mai dieses Jahres 68, da darf man gratulieren, auch zur Frau seines Lebens, Hanna, zu den drei Kindern, drei Enkeln und einer Agentin – der einzig wahren Julia Weber!
Dann wird das Geburtstagskind endlich, was es schon lange ist, ein richtiger Alt-68er.

 

Mehr Informationen:
www.charly-schreckschuss.de

Schreckschuss Records

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