Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Mai 2018
Harald Justin, Wien

Acoustic Ramblers: Einen trink ich noch

Album: Männer, Möwen & Milieu

An dem, was deutsche Leitkultur sein soll, scheiden sich bekanntlich die Geister. Mit welchen Liedern soll man die Jugend in die Zukunft begleiten, gar entlassen? Ist es schon fraglich, ob die deutsche Trinkkultur, ein sicherlich nicht unbedeutender Bestandteil des deutschen Alltags, empfehlenswert ist, so sind die dieser Kultur entspringenden Lieder noch fragwürdiger. Wo sich eigentlich raue, durch Wein- und Bierzufuhr aber gut geschmierte deutsche Männerkehlen beim Gesang von »Der Wacht am Rhein« und diversen Oktoberfestschmankerln öffnen, da erklingen die hiesigen Liedermacher durchaus verhaltener. Schüchtert das markige Gruppengrölen etwa ein? Eignet sich der Solovortrag nicht so recht zur alkoholseligen Verbrüderung? (Beim Nachbarn, im österreichischen Wienerlied hingegen weinen die Protagonisten gerne allein ins Weinglas!) Singt und redet man nicht so gerne über Lust und Leid am Hochprozentigem? Ist das schon politisch unkorrekt? Leben deutsche Liedermacher gar alkoholbefreit und total gesund?

Tatsächlich muss man lange suchen, um Annehmbares zum Thema in den Beiträgen deutscher Liedermacher zu finden. Eine der Perlen dieses kleinen Subgenres innerhalb der Menge an Liebesliedern, gesungenen Beziehungsratgebern und den ins Vage formulierten Politsongs hat das Duo Acoustic Ramblers nun geschaffen. »Einen trink ich noch«, so der Titel des kleinen Trinkerliedes, das ganz unprätentiös einen einsamen Abend in der Kneipe des Vertrauens schildert, wo der Wirt sogar, soviel Verkehrssicherheit muss sein, das Taxi für den Nachhauseweg bestellt. „Einen trink ich noch“, heißt es wiederholt im Text, und es ist klar, dass mit jeder wiederholten Textzeile eine weitere Bestellung aufgegeben wird und aus dem einen Glas noch mehrere werden. Über allem liegt dabei die leise Melancholie des Blues. Gezupft wird eine akustische Gitarre, durchaus im Bluesidiom, ein Saxofon hustet sich durch den imaginären, einsamen nächtlichen Abend des Protagonisten. Ob der Blues, diese so ur-afroamerikanische Musik, zu Deutschland und damit zur Leitkultur gehört, mag man diskutieren. Aber nicht hier, wo es eigentlich um den Spaß an der Freude geht. Und der schlägt im Fall von »Einen trink ich noch« sehr verhaltene, beinahe zärtliche, ruhig-verhaltene Töne an. Auch ein Genuss.


Weitere Informationen:
www.acousticramblers.de

Eigenproduktion

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