Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Juni 2018
Ingo Nordhofen, Witten

Reinhard Mey: Sei wachsam!

Album: Mr. Lee - Live

Die persönliche Empfehlung wird gern genutzt, um jungen, noch nicht arrivierten Künstlern, die dennoch schon gute Qualität liefern, einen kleinen Push zu geben. Das ist gut und richtig so, und dennoch empfehle ich heute ein Lied von einem Mann, der einer der ganz Großen im Bereich Liedermacher in Deutschland ist.

1996 bekam Reinhard Mey den Liederpreis (damals noch vom SWF/SWR ausgelobt) für sein Lied »Nein, meine Söhne geb" ich nicht«, vom Album »Zwischen Zürich und zu Haus«. Ausschlaggebend für die damalige Wahl war nicht nur der Song an sich, sondern auch die Ansage, die Mey zu dem Lied brachte. Darin äußerte er sich sehr deutlich und natürlich kritisch zu den damals bestehenden politischen Verhältnissen in der Bundesrepublik. Es ging um den wachsenden Drang der Politiker, Deutschland und vor allem seine Industrie wieder ins internationale Kriegsgeschäft einzubinden, was ja heutzutage schon ein gewohntes Bild ist. Damals trieb die Regierung der Kohlära (klingt wie Cholera, eine bösartige Krankheit) diese Bestrebungen mit großer Vehemenz voran, und das Bundesverfassungsgericht billigte die Pläne letztlich. Dies alles geschah, lange bevor George W. Bush im Jahre 2001 den sogenannten "Krieg gegen den Terror" ausrief. So unverblümt und direkt hatte zu jener Zeit kein anderer seine Abscheu gegen das Treiben der Bunderegierung ausgedrückt. Nun sind zweiundzwanzig Jahre ins Land gegangen, und die Folgen erleben wir täglich.

In dem Song »Sei wachsam!« mahnt uns Mey mit Blick auf die heutige politische Weltlage, nicht auf die Politiker(innen) hereinzufallen, die uns mit wohlklingenden Worten von der Notwendigkeit all dessen zu überzeugen versuchen, was letztlich nur ihren eigenen Interessen und noch viel mehr denen der Industrie dient. Ein ewig wiederkehrendes Argument ist ja, dass es der Wirtschaft gut gehen muss, damit es der Bevölkerung gut geht. Das ist nicht falsch, die Frage ist nur, womit sich die Industrie vornehmlich befasst, und da steht z.B. eine Weiterentwicklung von Umwelttechnologien weit hinter der Waffenentwicklung und -produktion. Deutschland ist der drittgrößte Waffenproduzent und -lieferer der Welt. Das heißt nichts anderes, als dass überall in der Welt mit Hilfe deutscher Technologie die entsetzlichsten Kriege geführt werden. Und Deutschland scheut auch nicht davor zurück, Waffen an diktatorische Regime und in Krisenregionen zu liefern, dient ja alles unserem Wohlsein – ausgenommen derer, die ihren Kopf hinhalten müssen bei Auslandseinsätzen, die gebrochen und traumatisiert zurückkommen, wenn sie denn zurückkommen.

Und wieder ist die Ansage zu dem Stück von schonungsloser Klarheit, wie es derzeit kaum ein anderer wagt. In seiner Dankesrede zum Liederpreis 1996 sagte Mey sinngemäß, dass er gerade diesen Preis sehr gerne entgegennehme, weil er ein politisch motivierter Preis sei. Er, Mey, sei ja seit Jahrzehnten als unpolitisch verschrien, und er freue sich deshalb besonders, weil die Jury darauf nicht abgehoben habe. Er sei immer ein politischer Mensch gewesen, wenn auch nicht auf platte oder agitatorische Weise.

Dass dies auch heute noch so ist, hat Mey mit diesem Lied und der Ansage dazu bewiesen, und ich wünsche ihm, dass gerade dieser Song viele aufmerksame Hörer, nein Zuhörer, bekommt.

 

Weitere Informationen:
www.reinhard-mey.de


Hinweis:
Die im Text erwähnte Ansage finden Sie auf Track 9 der ersten CD des Albums (ab ca. 4:50), das Lied selbst im darauf folgenden Track 10.

Odeon / Universal

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