Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

Übersicht des Jahres…
Anderen Monat auswählen…
Okt 2018
Michael Laages, Hannover

Alexander Scheer und Band: Trauriges Lied vom sonst immer lachenden Flugzeug

Album: Gundermann - Die Musik zum Film

Alexander Scheer singt im Kino Lieder von Gerhard Gundermann – auch »Trauriges Lied vom sonst immer lachenden Flugzeug«.

Das Ende vor Augen
Das kürzeste Lied auf der CD mit der Musik zum womöglich wichtigsten Film des Jahres aus heimischer Produktion hat den längsten Titel – weil die ganze Welt, von der Gerhard Gundermann sang, darin unterkommen muss. Denn das „sonst immer lachende Flugzeug“, von dem da die Rede ist im Lied, ist natürlich das fest verschlossene Ländchen DDR, zu dessen kulturellem Erbe dieser einzigartige Chansonnier für alle Zeiten gehört – „Fröhlich sein und singen“ war ja dort eine der auch gesungenen Parolen, die natürlich nicht nur “singen“, sondern auch “siegen“ meinte und so die immerwährende Zukunftsfähigkeit der hier praktizierten Zwergen-Version des Sozialismus beschwor. Das „traurige Flugzeug“ aber, das nicht weiß, wo es landen soll, „wenn der Tank leer ist“ (und darum sicherlich abstürzen wird) – das ist nicht nur das Land, das ist der Sänger selbst; deutlich markiert ist so die Aussichtslosigkeit der Hoffnung auf Besserung markiert.

Denn selbst jetzt, wo der Ich-Erzähler nochmal „abheben“ konnte (oder musste) im Morgengrauen, also im Augenblick des Endes der DDR-Geschichte und dem eben nicht wirklich möglichen Ankommen im neuen, erweiterten Land, ist erschreckenderweise überhaupt keine Landebahn mehr in Sicht rund um die bewohnte Welt – das kleine Lied erzählt in (wie immer bei Gundermann) sehr poetischer Engführung vom Ende der Träume. Und letztlich auch vom Sterben ohne Erlösung – Gundermann, von dessen Verstrickungen innerhalb des klaustrophobischen DDR-Systems Andreas Dresen biographischer Film ja gerade erzählt, war bei aller manchmal nahezu hippiehaft überschwänglichen Lust und Zuversicht im Privaten vor allem der Untergangsprophet des kleinen Landes, von dessen Wurzeln er zehrte, musikerlebenslang. Seine Lieder sind ein Schatz ohnegleichen; und im aktuellen Kinofilm kommt ihm der Schauspieler Alexander Scheer, ehedem einer der wichtigsten Protagonisten an Frank Castorfs alter Berliner Volksbühne, verblüffend nahe. Die Aneignung im Westen, etwa durch den Musiker und Theatermacher Heiner Kondschak (der Gundermann zutiefst verehrt), blieb demgegenüber stets schwierig und letztlich fremd.

Im kleinen, kurzen Lied lauert also die finstre, finale Vision vom Ende der Geschichten wie der Geschichte: „Das traurige Lied vom sonst immer lachenden Flugzeug“ ist ein großes Stück deutscher Lieder-Literatur.

 

Weitere Informationen:
www.gundermann-derfilm.de
www.inka-stelljes.de/index.php/dir/actors/d/1/s/m/a/a8_alexander_scheer.html

BuschFunk

Übersicht des Jahres…
Anderen Monat auswählen…