Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Juli 2018
Barbara Preusler, Reinach B/L

Pigor & Eichhorn: Brecht haben

Album: Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten. Volumen 9 - Live

Ich gebe gern zu, das ich für freche Texte immer zu begeistern bin. Bei Pigor & Eichhorn finde ich jede Menge solcher Lieder, brachial genial, im klassischen Kabarettstil. Die Texte sind schräg und spiegeln mitten in die Gesellschaftskultur. Ihre Texte voller Anarchie überraschen.

Es fällt mir sehr schwer, mich für nur ein einziges Lied als Empfehlung zu entscheiden. Nicht umsonst sind Pigor & Eichhorn bereits heute die Grandseineurs der deutschen Kleinkunstszene. Die Preise sprechen für sich, Deutscher Kleinkunstpreis, Deutscher Chansonpreis, Österreichischer Kabarettpreis, Bayerischer Kabarettpreis und jetzt der Salzburger Stier 2018.

»Brecht haben« empfehle ich mit grosser Freude. Denn dieses Brecht-Thema habe ich so noch nie in Liedform gehört.

Es geht um die Inszenierungen der Bühnenwerke am Beispiel von Bertolt Brecht. Im Herbst 2017 inszeniert Starregisseur Dani Levy »Die Dreigroschenoper« in Basel. Den Text darf er jedoch nicht verändern, weder kürzen noch ergänzen. Der Text muss Wort für Wort originalgetreu wiedergegeben werden. Somit ist einem Regisseur eine "freie" Inszenierung teilweise verwehrt. Dieser "Urheberschutz" bei Bertolt Brecht dauert noch bis 2027.

Diesen Sachverhalt bringt »Brecht haben« auf den Punkt. Witzig, frech, überraschend. Geistreich wählen Pigor & Eichhorn die Worte. Die Klaviermusik steigert sich zum satirischen Gewitter. Die gewieften Musikkabarettisten stellen unverschämt wohltuende Fragen. Sie provozieren liebevoll die Theaterwelt und kommentieren lustvoll den Zeitgeist, oder besser gesagt, den Theatergeist.

Musikalischund textlich ist »Brecht haben« beste Komik.

Es ist ein ururalter Theaterkonflikt
Man muss entscheiden, wie eine Inszenierung tickt
Hält man einem Werk die Treue
Oder setzt man radikal auf das Neue?.

Wie kann man heute mit den alten Meistern
Die Menschen überhaupt noch begeistern?
Soll man den Willen des Autoren achten
Oder genussvoll die alten Meister schlachten?.

Was die Nachgebor´nen sehen und hören
Die Entscheidung liegt bei den Regisseuren
In jeder neuen Lage neu nachzudenken Ist ihr Job.
Sie sollen krank sein und kränken!.

Sie solln verdammt noch mal ins Risiko gehn
Und uns beibiegen, wie sie die Verhältnisse sehn
Es sind nur noch zwölf Jahre, dann ist es soweit
Dann kommt das Ende der finsteren Zeit.

Am 1.1. 27 ist der Brecht endlich frei
Dann ist Schluss mit der ewigen Brechthaberei
Dann werden alle den Meister inszenieren
Und den Brecht regelrecht massakrieren
Dann ist Schluss mit ihren 70 Jahren Urheberrecht
Dann inszenieren wir den Brecht richtig schlecht.

Am 1.1. 27 ist der Brecht endlich frei
Dann ist die Tyrannei der Brecht"schen Erben vorbei
Und auch der Suhrkamp kann niemanden mehr zwingen
Den Baal nur noch original zu bringen
Nach 70 Jahren Tribut
Wird der Brecht endlich öffentliches Gut.

Um Himmels Willen nichts gegen Tantiemen
Es ist in Ordnung dass Autoren etwas nehmen
Auch Verwandten und beteiligten Dritten
Die unter dem Autoren litten.

Gebührt nach dessen Tod ein Schmerzensgeld
So hat sein Werk auch noch Bedeutung für die Nachwelt
Doch wenn sich Erben als Verhinderer begreifen
Und sich auf ihre Sicht der Dinge versteifen.

Wenn ein Nachlassverwalter nichts nachlässt
Wenn ein Nachgeborener die anderen erpresst
Dann ist das uncool Leute, das ist echt nicht Okee
Los, setzt die Erben von B.B. ins CC.

Am 1.1. 27 ist der Brecht endlich frei
Dann ist Schluss mit der ewigen Brechthaberei
Dann darf sich jeder, der will bei dem bedienen
Der sich bediente bei seinen Konkubinen
Dann geht es nicht mehr darum Recht zu brechen
Dann heisst es fleddern und somit Brecht zu rächen.


Fazit: Genau so geht geistreiches Musikkabarett.

 

Weitere Informationen:
www.pigor.de

Bene 2000

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