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Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Sept 2018
Barbara Preusler, Reinach B/L

Florian Schneider mit Roman Bislin & Adam Taubitz: Lisette des Toilettes

Album: Schangsongs 3

Bald steht er wieder auf den grossen Musical-Bühnen mit »Knie - das Circusmusical«. Doch die kleineren Bühnen mit dem direkten Kontakt zum Publikum sind für den Sänger und Schauspieler Florian Schneider weiterhin ein wichtiger Teil seines künstlerischen Schaffens. Seine Lieder gehen ans Herz. Sie erzählen Geschichten von damals und heute. So ist das neue Album »Schangsongs 3« bereits das Dritte seiner Serie. Er nennt seine Figuren schrullig, speziell und bodenständig. Bodenständig und herzlich sind auch die Menschen hier in der Region und sie mögen ihren "Flo" und Florian mag sie und ihr Leben.

Florian Schneider pflegt die Oberbaselbieter Mundart. Musikalische Mitstreiter sind Roman Bislin am Keyboard und der bereits von Schangsongs 1 und 2 bekannte Adam Taubitz an der Violine. Der Baselbieter Dialekt kann sehr romantisch und mythisch daher kommen, oder aber auch sehr kräftig und direkt. Bei Florian hören sich noch die gröbsten Texte poetisch an. Und so ist ihm auch diese neue Scheibe sehr gelungen. Musikalisch finde ich Elemente aus der Folkmusik, dem Country, dem Irischen wieder – und trotzdem es bleibt heutige Baselbieter Volksmusik. Vor allem zwei Frauen-Lieder haben mich sehr beeindruckt. Ich konnte mich zwischen den zwei Liedern nur schwer entscheiden. Wunderschön der Titel »Schöchli Mache«, über das traurige Leben einer Arbeiterin, welche in vergangenen Zeiten Posamenten fertigte (Titel 13). Absolut eindrücklich ist aber Schneiders heutiges Lied über die bekiffte »Lisette des Toilettes« (Titel 2) in ihrem schäbigen Etablissement. Das Lied trifft hundertprozentig und weckt in mir präzise Bilder. Die Sprache zeichnet ungefiltert Lisettes harte Realität. Die Gitarre ist markant, aber nicht überzeichnet, weitere Instrumente unterstreichen die Geschichte der Madame Toilette, dezent und perfekt. Florian Schneider setzt seine Stimme bewusst und mit scheinbarer Leichtigkeit ein. So wunderbar dahingeworfen, kommt mir die Ballade von 6:06 nicht einmal lang vor. Die Ich-Form ist spannend bis zum Schluss, kann mir doch Lisette auch mal so richtig die Meinung sagen.

Lisette ist eine Frau die schon manches gesehen hat. Sie verteidigt ihre Ehre und ihren Platz in der Gesellschaft. Sie schwingt eine grosse Lippe, kifft, praktiziert Überlebenskunst. Müde und einsam ist sie am Schluss und so klingt das Lied über ein hartes Arbeitsleben langsam aus – und mir eindrücklich nach.

Ein gelungenes Werk.

Leider wird meine Übersetzung der Poesie des Originals nicht gerecht.

Me seit mer d Lisette vo de Toilette
me seit au, I syg nit ganz schlau
müesst gar nit blöd gaffe, s muess jedes g schaffe
und I bin e Toilettenfrau
Das macht mi nit hässig, bi halt echlei gspässig,
bi schliesslig vo Reigetschwil
s dunkt mi in der Stadt halt zum schaffe no glatt
do hesch ämmel nie langi Will

E Chüttelschurz s Goschtüm und Javel s Parfüm
Parfüm und de Abörter sy mi Revier,
öbb Maa oder Frau, s git jedem genau
fünf Zeedeli Schissipapier.

Wenn d gohsch,
sigsch e Schätzli und leisch e paar Bätzli
uf s Tällerli bim Stägeufgang
und leg mer no zwei Zigerettli derzue
will d Nacht isch no jung und no lang

No dankt der d Lisette
d Lisette Madame Toilette

I kenn alli Schnalle mit rote Chralle
wo schnäll wei e Fädeli cho neeh,
die roti Georgette, die schenkt dr Lisette
mäengisch e Briefli vo reinschtem Schnee,
So lot sis lo läbe,s git jo süscht nüt vergäbets
und guete Schnee isch rar,
e Näsli voll Puder, mir hilfts geg ne Schnuuder
und I fühl mi wie d Queen vom Pissoir.

Grad wier d Sniffer do kenn I au d Kiffer
ummen öppis an dene isch rot,
hei Auge wie dätschti Sichrige
und süscht si sie bleich wie der Tod.
Jetz lömmers mit Bolle lo rocken und rolle,
die schönschte Stumpe dreih I,
de grüeni Marokker, de macht mi so locker
so wien I halt bi, vom Hocker,

Denn freut sich d Lisette,
d Lisette Madame des Toilettes

Bi mir isch Ornig und Aastand muess si
und I lueg au uf Suuberkeit
und chunnt mer ein fräch, denn lert er mi kenne,
de himmeltruurig Cheib:

Potzheilands stärnsföifi jetz bisch an der lätze,
du Schuuderbüebli chunnsch mer grad rächt,
ass verreisisch jä herrgotts potzdunner,
bevor der d Lisette d Nase bricht.

Au besoffeni Manne, hau Iso in d Pfanne
je mei du, wirkt denn de Toon
und au säuligi Chätzli mit geschorene Gläzli
si brav wie zur Konfirmation,-

Ja so schimpft d Lisette,
d Lisette Madame Toilettes

Je spööter denn d Stunde,
desto voller si d Chunde,
denn schiffe die no umso mehr,
was will me no säge,am Tisch bi der Stäge
blibt s Tällerli ämmel nie leer.

Isch d Nacht denn bald umme
und s Trinkgäld het gstumme,
denn bschliess I my Lädeli ab,
e cheibe Schübel voll Ghüder im Chübel,
putz d Brülle mit Javelwasser ab

Mit müede Bei,
wo nümme wei
und no goht au d Lisette hei.

Man nennt mich die Lisette von der Toilette
man sagt auch, ich bin nicht ganz schlau
schaut nicht blöd, irgendwas muss jeder arbeiten
und ich bin Toilettenfrau.
Bin nicht bös, höchstens ein wenig komisch,
komme schliesslich aus Reigoldwil,
in der Stadt arbeiten, das ist noch super,
da wird es nie langweilig.

Eine Kittelschürze ist die Kleidung, Desinfektion
und die Klos sind mein Reich,
Männer und Frauen bekommen alle die Gleichen
fünf Teile Toilettenpapier.

Wenn Du gehst,
sei ein Schatz und lege etwas Kleingeld
auf den Teller an der Treppe
und noch zwei Zigaretten dazu
denn es ist noch früh und die Nacht wird lang

Dann dankt Dir die Lisette
Lisette – Madame Toilette

Ich kenn alle Dirnen mit den roten Nägeln
die sich schnell eine „Linie“ rein ziehen,
die rote Georgette, schenkt mir
manchmal eine Tüte reinsten Schnee,
so lässt es sich leben, gibt ja nix umsonst
und reiner Schnee ist rar,
gepuderte Nase hilft gegen den Rotz
Und ich fühl mich wie eine Königin der Klos.

Ich kenne die Sniffer und die Kiffer
etwas an ihnen schaut rot aus,
haben Augen wie durchgeknallte Sicherungen
und sind bleich wie der Tod.
mit dem „Stoff“ lassen wir es rocken und rollen,
ich dreh die besten Joints,
der grüne Marokkaner holt mich locker,
so wie ich halt bin, vom Hocker.

Dann freut sich die Lisette,
Lisette – Madame der Toiletten

Bei mir herrscht Ordnung und Anstand muss sein
und ich schaue auf Sauberkeit
kommt einer frech, dann lernt er mich kennen,
der blöde Kerl:

Heilanddonner, da bist Du an die Falsche geraten,
du Saubub kommst mir gerade recht, jetz mach,
mach das Du wegkommst, zum Donnerwetter,
bevor Lisette dir deine Nase bricht.

Auch besoffene Kerle, hau ich so in die Pfanne
Dieser Tonfall wirkt
und auch die Glatzköpfe
sind brav wie zur Konfirmation,-

Ja so wettert die Lisette,
Lisette – Madame der Toiletten

Je später die Stunde,
desto besoffener die Gäste,
dann pinkeln sie umso mehr,
was soll man sagen zum Tisch an der Treppe
kommt immer Geld auf den Teller.

Ist die Nacht bald zu Ende
und das Trinkgeld stimmt,
dann schliesse ich meinen Laden,
mit viel Abfall im Eimer,
desinfiziere die Klos

Mit müden Beinen,
die nicht mehr wollen
geht endlich die Lisette nach Hause.

Weitere Informationen:
www.florian-schneider.ch

FLOSOLODUOTRIO

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