Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Febr 2019
Ingo Nordhofen, Witten

Kalle Johannsen - Mein Name ist Hosanna

Album: Ströntistel

Die vielleicht wichtigste Lehre meines Lebens bekam ich schon seit frühester Kindheit in den Fünfzigerjahren vermittelt. Es ging um Mitgefühl, und der Satz, den ich oft hörte, war: „Stell Dir mal vor, wie es Dir gehen würde, wenn einer Dir tut, was Du gerade dem XY getan hast. Wie würdest Du Dich dann fühlen?“ Das war nichts anderes als „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu!“ Das war zu jener Zeit noch viel mehr ein beachtetes Wort als heute. Aber dies war viel persönlicher, betraf direkt mich und mein Gefühl – und meine Verantwortung. In solchen Situationen wurde mir viel eher klar, was ich angerichtet hatte, als wenn ich eine Ohrfeige bekommen hätte.

Was hat das mit der Liedempfehlung zu tun, die ich heute gebe?

Nun, das Lied »Mein Name ist Hosanna« von dem nordfriesischen Liedermacher und Dragseth-Trio-Mitbegründer Kalle Johannsen, der 2018 sein vierzigjähriges Bühnenjubiläum feiern konnte, hat mich sofort daran erinnert. Johannsen hat darin Aussagen von Flüchtlingskindern verarbeitet. Diese hatte ein ihm nahestehender Mensch in einer Flüchtlingseinrichtung in der Adventszeit 2016 gehört, als mit den Kindern die christliche Weihnachtsgeschichte besprochen wurde, die ja auch eine Geschichte von Flucht und Asyl ist. Einige der Kinder erzählten daraufhin von ihrer eigenen Flucht, und es finden sich erschütternde Äußerungen darunter.

Hosanna berichtet von dem langen Weg, den sie mit ihrem Onkel nehmen musste, zunächst in einem Camp wartend, dann, auf ein für die vielen Passagiere viel zu kleines Schiff gedrängt, über das „große, graue Meer“. Der Onkel hält ihre Hand und sucht mit der anderen im Wasser vergeblich nach Achmed. Sie werden von einem größeren Schiff aufgenommen. Hosanna erinnert sich an das Lächeln eines der Helfer, schöpft Mut daraus. Aber immer wieder (auf Arabisch und Deutsch) die Frage, wo die Mutter ist, wann sie kommt, sie vermisst sie sehr.

Nach langem Warten geht es über mehrere Stationen weiter, zu Fuß, mit dem Schiff und der Eisenbahn. Der Onkel bindet sie nachts an sich, um sie nicht zu verlieren, und schneidet ihre langen Haare ab. Erst als nebenan Fatima verschwindet, versteht sie warum …

Nun also hier an diesem fremden Ort. Sie kann nichts erzählen, versteht nur ein paar Brocken Deutsch, aber sie ist zuversichtlich, dass sie lernen wird, uns zu verstehen – und dann werden vielleicht auch wir verstehen, wenn sie erzählt …

Das geht in seiner Direktheit sehr unter die Haut, und das ist ein großes Verdienst des Autors, denn er schreibt sachlich und klar, berichtet schnörkellos, verzichtet auf jeden reißerischen Unterton, hebt nie den Zeigefinger. Dazu singt er neben Deutsch auch Arabisch, was es den Kindern sicher ermöglicht, das Lied wirklich zu verstehen. Begleitet bzw. äußerst einfühlsam unterstützt wird Johannsen von Jens Kommnick und dem jungen Saxofonisten und Gitarristen Christoph Hansen, von dem man hoffentlich noch vieles hören wird. Auf weiteren Stücken der CD »Ströntistel« spielen zudem Andreas Johannsen die Konzertgitarre und Martin Leeb die Oboe. Und allesamt sind sie hervorragende Musiker!

Von jeder CD geht 1 € an das Friedendorf International. Ich wünsche dem Lied »Mein Name ist Hosanna« viele, viele aufmerksame Hörer und hoffe, dass die CD sich massenhaft verkauft – es lohnt sich!

Nachsatz: Im Gespräch mit Kalle Johannsen erzählte dieser, dass Hosannas Mutter nach fast zwei Jahren tatsächlich in Deutschland angekommen ist und wieder mit der Tochter vereint ist. Und Hosanna hat wieder schöne, lange Haare.


Weitere Informationen:
www.atelier-knortz.de

Eigenproduktion

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