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Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Juni 2019
Michael Laages, Hannover

GRIPS Theater - Die schönsten Lieder aus 50 Jahren

Lieder der Veränderung

Der amüsanteste Hinweis findet sich ganz oben auf der Schmalseite des 3 CD"s schweren Pakets - diese Musik wurde erdacht und gemacht für Menschen "ab 4"; links daneben liest sich die Empfehlung noch etwas präziser: "von 4 bis 99 Jahren". 84 Lieder aus 50 Jahren mit den Produktionen des "Grips"-Theaters in Berlin sind versammelt in fast vier Stunden, exakt 228 Minuten. Zum Jubiläum der ersten deutschen Bühne, die sich ab 1969 "Kinder- und Jugendtheater" nennen konnte und nicht die Weihnachtsmärchen-Abteilung an einem Stadt- oder Staatstheater war, wird diese Sammlung musikalischer und geschichtenerzählerischer Phantasie zum Glanzlicht der Feierlichkeiten; weit über die engere Grips-Gemeinde hinaus.

Im Booklet erinnert sich Volker Ludwig, Gründer des Hauses und mit über 80 Jahren Doyen der europäischen Kinder- und Jugendtheater-Szene; und in den Song-Ensembles früher Grips-Stücke dokumentiert sich auch der familiäre Zusammenhalt des Hauses - Volker Ludwig ist der Sohn der legendären Kabarett-Autors Eckart Hachfeld (der vor allem "Das Kom(m)ödchen" in Düsseldorf zur Institution werden liess als literarisches Brettl), und der Sohn hieß eigentlich genau wie Papa. Aber auch Judith und Caspar Hachfeld sind bald Teil vom Grips; unter die ungezählten Interpreten der frühen Jahre reiht sich Renate Küster (später Teil der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" und Dieter Hildebrandts letzte Partnerin) genau so ein wie die junge I Sa Lo und Berliner Kabarett- und Theater-Größen wie Dieter Kursawe. Kein Wunder: Auch Grips war hervor gegangen aus dem Kreis ums "Reichskabarett", das in den 60er Jahren neben Dieter Hallervordens Ensemble "Die Wühlmäuse" den Kern des Kabaretts in Berlin definierte, über die schon damals stark gealterten "Stachelschweine" hinaus. Das neue Kindertheater war auch die Fortsetzung des Kabaretts mit anderen, jüngeren Mitteln. Und wenn schon die Eltern nichts mehr lernten, dann waren vielleicht ja Kinder erreichbar ...

Auch aus dieser politischen Ideenwelt speisten sich die Grips-Texte: "Max und Milli" oder "Stokkerlok und Millipilli", "Balle, Malle, Hupe und Arthur" oder "Ein Fest bei Papadakis" öffneten noch vor dem Dauerbrenner um die U-Bahn-"Linie1" die aktuellen politischen Debatten der Zeit auch für Kinderohren. Grips ist Emanzipation für die Kleineren und Kleinsten, und um die bemüht sich immer auch die Musik, in den frühen Jahren vor allem und immer wieder bis zum viel zu frühen Tod 2012 vom prägenden Komponisten Birger Heymann. Gemeinsam war Ludwig und Heymann ein schönes Motto wie dieses: "Doof gebor"n ist keiner". Und so hieß denn auch ein Lied aus "Doof bleibt doof" ... Immer wieder sind aus den Grips-Maximen Lieder geworden.

Es tut gut und macht Älteren Spaß, sie wieder zu hören; jüngeres Publikum kann hier ein Stück Befreiung spüren, über Epochen hinweg. Aus manchen Liedern wurden quasi geflügelte Worte und politische Werte dazu: "Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind?" stammt aus "Balle, Malle, Hupe und Arthur", genau wie "Einer ist keiner"; "Wir sind Kinder dieser Erde" wurde gesungen bei "Ein Fest bei Papadakis", "Kinder können mehr, als man denkt" konstatierte 2002 das Grips-Stück "Kannst Du pfeifen, Johanna?". Die Musik solcher Lieder hatte nicht nur bei Heymann stets Nach- und Mitsing-Qualität - und wurde auch so zum Impuls für Kinder und Eltern. Wer im Grips Theater gewesen war, hatte meistens fortan Lust, Dinge zu verändern.

Diese drei Jubiläums-CD"s sind prallvoll von diesem Impuls - und gerade darum ein Highlight fürs Heute und Hier.


Mehr Informationen:
www.grips-theater.de
www.argon-verlag.de

sauerländer audio

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