Empfehlungen

Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Juni 2019
Michael Lohse, Köln

Schorsch Hampel & Dr. Will - wardn hoid

Album: hoamwehblues

Warten gehört zum Leben. Manchmal lohnt es sich, manchmal wartet man umsonst. Das Warten auf das neue Album von Schorsch Hampel hat sich in jedem Fall gelohnt. Viele Songs darauf könnte ich empfehlen: retrospektive Nummern wie „Schee wars“ oder „zruckgschaut“, wo das Münchner Blues-Urgestein streiflichtartig Stationen seiner privaten und politischen Biografie Revue passieren lässt, und natürlich den Titelsong mit seinem illusionslosen Blick in die Zukunft, in der nichts wartet außer dem ewigen „Hoamwehblues“. Kein Lied aber hat mich auf Anhieb so berührt wie „Wardn hoid“, eine klassische Liedermacherballade, eben über das Warten in diversen Alltagssituationen. Nur scheinbar ein harmloses Thema, denn der Sänger erkrankte während der Aufnahmen schwer und Zeit wurde plötzlich kostbar. Man kann nur staunen mit welch lakonischer Lässigkeit Hampel in dieser Situation über sein Leben sinniert. Auch in der persönlichen Krise lässt er sich seinen trockenen Humor nicht nehmen. Seine warme Bassstimme und die Banjo-Begleitung mit ihren wohligen Harmonien stehen im bewussten Kontrast zum Inhalt. Das Motiv der Kälte zieht sich durch den Text: Die Füße sind kalt, kalter Schweiß steht auf der Stirn und sogar das Herz ist kalt. Die Situationen des Wartens steigern sich vom Harmlosen zum Existentiellen: Es beginnt mit dem Bekannten, der mal wieder nicht zur verabredeten Zeit auftaucht. Man muss warten, bis das Teewasser endlich kocht. Der Doktor verabschiedet einen mit einem floskelhaften „wird schon werden“. Bis hin zum letzten Wartezimmer: „Irgendwann wirst aufbahrt und bis "s nei geht in di gruabn, muaßt no wardn hoid.“

Die Diagnose einer schweren Krankheit verändert den Blick auf Zeit fundamental, und an jedes banale Warten im Alltag knüpft sich die bange Frage: Wie lange hast Du noch? Die Musik mit ihrem gezupften Wechselbass hat etwas von einer Spieluhr, die unerbittlich tickt. Doch Schorsch Hampel gelingt das Kunststück, das sein Song bei aller Melancholie eine Leichtigkeit bewahrt. Kein Pathos des Abschieds, stattdessen ein einfacher Marsch, fast ein Kinderlied. Und noch bei den resignativsten Feststellungen schwingt das verschmitzte Lächeln mit von einem, der gelebt, geliebt und geträumt hat. Die Grube kann noch warten: Trotzig bläst Schorsch Hampel am Schluss eine bluesige Melodie auf dem Kamm und lässt sein schönes Lachen hören – ein anarchischer Bayer wie er lässt sich doch von Gevatter Hein nicht die Lust am Schabernack vermiesen.


Weitere Informationen:
www.schorsch-hampel.de

Focus

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