Neuerscheinungen anzuhören ist immer wieder etwas ganz Spannendes. Und selbst wenn nach den ersten fünf Minuten euphorische Neugier leichter Ernüchterung weicht, so bekommt man doch einen repräsentativen Überblick über das, was in unserem Land an Musik "jenseits der Charts" geschrieben wird. Und das ist viel. Und da ist viel Gutes. Der Vorteil der Liederbestenliste ist (u.a. das grenzt sie von den Charts ab), dass wir Eigenproduktionen und Demos zur Kenntnis genommen werden. Produktionen, die nie eine Chance in den Tagesprogrammen bestimmter Radiosender haben würden. Da ist man dann ganz besonders neugierig. So ging es mir mit einer kleinen Auswahl auf einer "Selbstgebrannten" von Simone Grunert und Martin Rosengarten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die leichte Ernüchterung blieb aus, das Hören der vier "Elektrochansons", wie sie ihre Lieder nennen, machte die Auswahl für diese "Persönliche Empfehlung" schwer. Entschieden habe ich mich letztlich für die "Deutschlehrerin" nur, weil ich beim ersten Lesen des Titels zunächst eine ganz andere, eher politisch intendierte Erwartung hatte und überraschenderweise auf ein so genanntes "einfaches Liebeslied" traf, von dem ich mich trotz einer anderen Erwartungshaltung gern und sofort mitnehmen ließ. Und so kommen denn auch die anderen drei Lieder leichtfüßig, doch nicht leichtgewichtig daher. Unterhaltend und doch fesselnd kann ich mich da einkuscheln. Die gekonnt formulierten Texte der früheren DDR-Liedermacherin verschmelzen organisch mit der Musik, wirken somit als Einheit - was in der Szene leider immer noch nicht selbstverständlich ist und mich ein paar interpretatorische Unsicherheiten bei "grunert" denn auch gern überhören lässt.
Die "Elektrochansons" erzählen über die Liebe. Über nicht mehr und nicht weniger. Dem Anspruch Simone Grunerts wird Martin Rosengarten in unaufdringlicher, luftiger Weise gerecht. Er, der seit vielen Jahren mit Martina Brandl unterwegs und der Chansonszene als Pianist, Komponist und Produzent ebenso verbunden ist wie dem Jazz, versteht es hervorragend, die eher im traditionellen Chansonduktus gehaltenen Lieder mit filigranen und sparsam eingesetzten moderneren elektronischen Mitteln etwas unverwechselbar Eigenes zu geben. Beiden Absolventen der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler gelingt es dabei konsequent, jegliche Nähe zur Popmusik zu vermeiden. Das Programm von grunert, "nach neuen Wegen in der deutschen Musikszene zu suchen, nach neuen Ausdrucksweisen, die die Tradition des Chansons mit tanzbaren und groovenden Melodien vereinen, die den Kopf ansprechen und doch in die Füße gehen", haben sich die Beiden hörbar zu Herzen genommen und wir dürfen auf weitere Neuerscheinungen von grunert sehr neugierig sein. Neuerscheinungen, die anzuhören etwas ganz Spannendes ist.
Persönliche Empfehlung im April 2004: Holger Beythien , Berlin Text/Musik: Simone Grunert Eigenproduktion - mcmediapr@aol.com |