| Zu meinen Lieblingsliedern von Walter Mossmann zählen die "Ballade von der unverhofften Last" und "Das Schützenfest von Nordenham". Die "unverhoffte Last" ist bereits auf CD erschienen, das "Schützenfest" kommt sicher noch. Ich hörte beide Lieder erstmals im Januar 1976 beim Liedermachertreffen der AG Song in Bonn. Damals wurde das Thema Abtreibung heiß diskutiert. Leisten konnte sich eine Abtreibung nur, wer das Geld besaß, ins Ausland zu reisen. In Deutschland wurde Abtreibung grundsätzlich bestraft.
Mossmanns Lieder sind Geschichten. Und mit einer Geschichte führte der Liedermacher das Lied ein: Eine Gerichtsverhandlung gegen eine Frau, die aus materieller Not und deshalb voll verantwortungsbewusst abgetrieben hatte, wurde zu einer Demonstration der Frauen gegen eine Bevormundung durch den Staat. Die Zweige eines Baumes hatten die Demonstrantinnen mit Präservativen geschmückt. Eine Frau fragte während der turbulenten Verhandlung aus dem Auditorium heraus den Herrn Staatsanwalt, ob er denn auch schon abgetrieben habe. Der Staatsanwalt war so perplex, dass er sogar antwortete, und das entrüstet: nein, niemals.
Mossmann machte daraus die "Ballade von der unverhofften Last", und zwar der unverhofften Last eines Staatsbeamten: ein Mann wird ungewollt schwanger. Und weil Mossmann immer auf dem Boden bleibt, war diese Schwangerschaft letztlich nur ein Traum.
Die Frage der Demonstrantin an den Biedermann in der Robe, der naturgemäß keinen Dreck am Stecken haben kann, bringt mich ganz aktuell auf den Fall des ehemaligen hessischen CDU-"Finanziers" Manfred Kanther, als "Schwarzer Sheriff" verschrien, als hessischer CDU-Saubermann in einen kriminellen Sumpf der Geldschieberei verstrickt. Mossmann kritisiert in seinen Liedern kriminelle Macht-Machenschaften und selbstgefällige Saubermann-Mentalität. Und dieser Denkspruch in Mossmanns Lied ist leider immer noch aktuell: "Das Leben ist dem Staat egal, das ungeborene aber nicht."
Walter Moßmann kann heute nicht mehr mit seinem Gesang anprangern. Der Krebs hat seine Stimmer zerfressen. Er war zu Pfingsten zum 40. Jahrestag des ersten Festivals auf Burg Waldeck im Hunsrück. Er kann wieder sprechen, auch wenn es ein bisschen krächzt. Und ich erlebte, wie Walter Moßmann genussvoll schmunzelnd zuhörte, als Klaus der Geiger in einer improvisierten Session mit anderen Musikern sein Schützenlied vortrug und das Publikum lauthals den Refrain mitsang.
Persönliche Empfehlung im September 2004: Stephan Rögner, Frankfurt/M Text/Musik: Walter Mossmann Trikont - www.trikont.de |