| Ungezwungen / Ja-Markt / Noch aber ist April / Fryheit / Ousflug / Ohrenschmaus / Eulenspiegel / Ougenweide / All die weil ich mag Die Anfänge des deutschsprachigen Lieds liegen weit zurück, sehr weit. Es ist sicher nicht zu gewagt, sie im Minnesang des Mittelalters, also in der Vormoderne zu verorten, und bis vor 30 Jahren war es für Pädagogen ein mühseliges Geschäft, junge, nachwachsende Generationen an den Zauber dieser Verse heranzuführen, deren Silben so seltsam verbogen und verquetscht schienen, während die Bilder und Metaphern der eigenen Vorstellungskraft so fremd blieben.
Doch dann kamen Ougenweide. In den 1970er Jahren machte sich dieses Hamburger Musiker-Kollektiv daran, den märchenhaft entrückten Geschichten vom mittelalterlichen Leben - und zwar bei Hofe wie auf dem Bauernhof - einen zeitgemäßen Anstrich zu verpassen. Olaf Casalich, Minne Graw, Frank Wulff & Co. brachten für diese Aufgabe mitreißendes musikalisches und komödiantisches Talent mit, sie fußten fest in der angelsächsischen Folkrock-Tradition à la Fairport Convention (und, ja, Jethro Tull). Und Achim Reichel, selbst ausgewiesener Literatur- und „Volxlied“-Vertoner, produzierte ihre besten Aufnahmen.
Richard Weizes Bear Family-Label ermöglicht nun ein faszinierendes Wiederhören mit dem Vermächtnis der bis heute einflussreichen Band (Schandmaul!). 2006 schon gab's Ougenweide (1973) und All die weil ich mag (1974) sowie die Klassiker Ohrenschmaus und Eulenspiegel (beide 1976). Jetzt runden fünf Alben auf drei CDs die schöne Werkschau ab.
Da wäre zum Beispiel Ungezwungen, die vitale Live-Doppel-LP von 1977, die Ougenweides gar nicht rückwärtsgewandten, schelmisch-aufmüpfigen Liederreigen, mit eigenen und überlieferten Texten, gespielt auf Flöten und E-Gitarren, auf Harmonium und Schlagzeug, gar trefflich rüberbringt.
Fryheit (1978) enthielt die Musik zu der ZDF-Reihe „Dokumente deutschen Daseins“. Ousflug (1979) bot straffen Folkrock plus instrumentales Gedaddel. Es deutete sich an: Ougenweide suchten nach Orientierung in einer Musikwelt, die immer weniger die ihre war.
Den Jahrzehntwechsel erlebten die Ikonen des deutschen Mittelalter-Rock als Identitätskrise: Punk, New Wave, Neue Deutsche Welle brachten musikalische, rhythmische, sprachspielerische Anstöße, die in eine ganz andere Richtung wiesen als die Ougenweide-Musik. Entsprechend unentschlossen die kommenden beiden Alben. Ja-Markt (1980) beginnt gleich mit Selbstkritik („Ich bin ein Folkfreak, ich bau mir eine Insel aus Musik“). Es folgt (Protest-)Rock, lieblicher Folk-Pop, Jazz-Rock - ein Zickzack-Kurs, den die Hamburger auf Noch aber ist April nahtlos fortsetzten.
Auch wenn die jüngeren Alben eigentlich nur echten Fans zu empfehlen sind, so liegt hier insgesamt doch eine großartige Edition vor. Denn Ougenweide pflanzten in ihrer besten Zeit bunte Verskunst in einem Klanggarten voll üppig sprießender Fantasie.
Die persönliche Empfehlung CD - Juli 2007 Empfohlen von Matthias Inhoffen, Stuttgart |