Lieder und Balladen der prosperierenden deutschsprachigen Rock- und Popmusik finden in der Liederbestenliste so gut wie nicht statt. Bedauerlicherweise. Denn so manches, was in den letzten Jahren gerade von jungen deutschsprachigen Rock- und Popmusikern jenseits von „Liedermacher & Co.“ veröffentlicht wurde, ist mehr als nur hörenswert. Hier artikuliert sich eine ganze Generation in einer Intensität und spannenden wie überraschenden Originalität, wie ich sie bei einigen Liedermachern und Songbands zunehmend vermisse. Denn das Lied, die Ballade – sie sind längst neu definiert. Höchste Zeit, dass die Liederbestenliste sich ihnen nicht länger verschließt.
Und so nutze ich die Gelegenheit, einen Song von Udo Lindenberg zu empfehlen. Ich weiß: Udo Lindenberg polarisiert und auch ich zähle mich keineswegs zu seinen Fans. Seine Art zu singen, sich zu geben, sein ganzes Image: Man muss das alles nicht mögen, nur wissen, dass sich hinter der Fassade auch ein etwas „anderer“ Udo verbirgt.
An seinem neuen Album Stark wie zwei (in den Charts auf Anhieb auf Platz 1) kommt niemand vorbei, der sich mit deutschsprachigen Liedern und Balladen beschäftigt. Nehmen wir „Was hat die Zeit mit uns gemacht“. Eine gesungene, altersweise Reflektion des 62-Jährigen, zu der ihn der 26-jährige Simon Triebel von der Band Juli inspirierte. Ein Generationenwerk, wie das ganze Album. Triebel und Lindenberg haben einen sehr einfühlsamen, nicht überfrachteten und dabei doch poesievollen Text in balladeske, wehmütigere Töne gesetzt. Ob zuerst die Musik vorhanden war oder erst der Text – das ist unerheblich. Geschrieben hat den Arezu Weitholz, die sich bereits als Textdramaturgin Herbert Grönemeyers und als Texterin der Toten Hosen hervorgetan hat. Inhaltlich geht es in dem Song um Entfremdung, einem hierzulande gern heruntergespielten Phänomen zwischenmenschlicher und zivilgesellschaftlicher Beziehungen. Produzent Andreas Herbig tut nichts, was dieses zerbrechliche Lied zerbrechen könnte. Im Gegenteil: Er hat es sogar geschafft, dass Lindenberg nicht den coolen Nuschler gibt, sondern einen suchenden, eher grüblerischen Zweifler. Großartig und glaubwürdig. Selten haben sich Sound und Arrangement so dicht an Text und Gesang angeschmiegt. Keine elektronischen Spielereien, keine Effekte – die pulsierende Kraft dieses Songs kommt ausschließlich aus ihm selbst. Eine Dramaturgie, die übrigens allen Titeln dieses spektakulären, deutschsprachigen Albums zu Grunde liegt, auch den rockigeren. Ich kann mir nur wünschen, dass sich ein Lied aus Stark wie zwei auch in der Liederbestenliste wieder findet. Es würde sie zieren.
Die persönliche Empfehlung Lied – 2008
Udo Lindenberg – Was hat die Zeit mit uns gemacht Auf: Udo Lindenberg – Stark wie zwei Warner Music (www.warnermusic.de) Empfohlen von Holger Beythien, Berlin |