Bei einer umfangreichen Jury dauert es seine Zeit, bis man eine CD-Empfehlung abgeben kann und auch der Zeitpunkt ist ungewiss. Eine milde Art von Glücksspiel: Wenn die Reihe an mir ist, hab ich dann überhaupt eine Empfehlung? Oder gar zwei? Letzteres war der Fall. Oh süße Pein! Bis sich herausstellte, dass im Mai Kollege Eichler schneller war. Der Weg ist frei für Paul Bartsch. Oder doch nicht? Da schreibt und singt der Hallenser doch glatt Zeilen wie „Der Reiz ist verflogen. Nun müssen wir glatt uns wieder verbarrikadiern.“ Ja, Paul Bartsch arbeitet sich immer noch an dem ab, was als Wiedervereinigung in die Geschichtsbücher eingegangen ist, obwohl wir doch alle wissen, dass es eine Übernahme war. Über das, was in den letzten zwei Jahrzehnten im Osten passiert ist, können wir uns im Westen keine Vorstellung machen. Da stecken wir einfach nicht drin. Im Gegensatz zu den östlichen Jungs und Mädels, die da tiefer drinstecken als es ihnen vielleicht lieb ist. Paul Bartsch singt darüber dezent verklausuliert, er packt nicht den rhetorischen Hammer aus. Das ist nicht seine Art. Und natürlich hat er nicht nur dieses Thema drauf, er singt über z. B. Afghanistan, Atomkraft, Götter im weißen Kittel, über die Unzufriedenheit mit dem Spatz in der Hand und über den privaten Winter am Kamin. Und er kann ganz einfache politische Wahrheiten aussprechen: „Es liegt doch an uns, wie es ist.“ Bartsch hat das Kämpfen noch nicht ganz aufgegeben, ohne das große Rezept, ohne das große Ziel, mit dem wohl altersbedingten Schuss Melancholie. Einfach singen für eine bessere Welt, ob in Halle an der Saale oder in Halle in Westfalen. Wenn Bartsch & Band, also zu fünft, loslegen mit „Wer weiß schon wie“, dann ist das solider Folkrock mit Betonung auf letzterem, aber ohne jede Aggression. Das konnte er schon immer gut, Melodien von einem gewissen Wiedererkennungswert schreiben, die Botschaften und Meinungen allgemeinverständlich rüberbringen. Und das ohne ein richtig schwaches Stück auf der CD. Das schaffen selbst Kollegen wie BAP oder Springsteen nicht häufig.
Die persönliche Empfehlung CD – Juni 2008 Empfohlen von Mike Kamp, Bad Honnef Dunefish (www.dunefish.de)
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