Warum erwartet man immer noch mit Vorfreude und Spannung eine neue CD von Franz Josef Degenhardt? Hat er uns überhaupt noch etwas zu sagen? Ist die musikalische Umsetzung nicht hinlänglich bekannt? Gitarre, ein paar Mundharmonikasoli und dazu die seit Jahrzehnten immer gleich schnarrende Stimme.
Na und! Wen stört's? Mich nicht! Denn Degenhardt gelingt immer noch diese einzigartige Verbindung von politisch ambitioniertem Lied und privat-persönlich wirkender Geschichte, die zwangsläufig auch politisch ist. Nach nicht einmal zwei Jahren folgt seinem letztem Album Dämmerung zum 75. Geburtstag eine neue CD: Dreizehnbogen. Fast 17 Minuten ist er auf dieser dreizehnbogigen Brücke im Titellied unterwegs und schafft in der ihm eigenen Art eine eindringliche Situationsbeschreibung der Gesellschaft ausgehend von historischen Anmerkungen und privaten Erlebnissen. Dies außergewöhnlich locker untermalt von elektronisch unterfütterter Musik, die sogar zwischen den gesprochenen Texten Raum gibt für einen Schwappdidadidupp-Refrain.
Wie ein Abgesang auf vergangene Zeiten wirkt in dem Lied „Den Fluss hinunter“ die Geschichte der Letzten vom Gonsbachtal , die in dem Temperabild seiner Schwägerin Gertrud „Le bon vieux temps“ ihren Spiegel findet. Hier – und noch intensiver in „Die Ernte droht“, einer herrlichen Abrechnung mit der leeren Schnelllebigkeit der Model- und Spekulantenwelt – spürt man die Verehrung Degenhardts für den unvergessenen Georges Brassens, seinem französischen Bruder im Geiste.
Auf Dreizehnbogen singt und spricht Degenhardt meist eigene Texte, aber er greift auch auf Kurt Tucholsky, Louis Fürnberg und Theodor Fontane zurück. Dessen „Trauerspiel von Afghanistan“ aus dem Jahre 1878 zeigt uns, dass was wahr und gut ist, zeitlos bleibt. Eben wie Degenhardt selber.
Die persönliche Empfehlung CD – Juli 2008
Franz Josef Degenhardt – Dreizehnbogen Koch/Universal (www.kochuniversal.com) Empfohlen von Hans Reul, Eupen/Belgien |