Zu Beginn der persönlichen Empfehlung eine persönliche Erinnerung: Tübingen, Anfang November 2000. Ein Freitag. Einige der (damals SWR-)Liederbesten-Juroren treffen sich am Vorabend des Liederfestes beim Griechen. Mit in die Kneipe stiefeln an diesem saukalten Abend vier junge Musiker aus Berlin, so Mitte 25, die Band Herr Nilsson. Allen vieren steht die Verwunderung ins Gesicht geschrieben, warum hier im Südwesten – und das ist ja ziemlich weit weg von Berlin – sich Leute für ihre Musik interessieren. Das lässt sich schnell klären: weil sie frische Töne anschlagen, weil in ihren Liedern zwischen Pop und Chanson überraschende Geschichten, unverbrauchte Bilder stecken. Und weil ein netter Kolleginnen-Tipp aus Berlin kam: Da gibt’s so ne ganz junge Gruppe, die hat ne CD Liebesleid und Fischigkeit in der Küche aufgenommen. Anhören! Herr Nilsson, unter ihnen Mitbegründer und Sänger Jan Böttcher, hat am folgenden Abend das Tübinger Liederfest-Publikum sofort überzeugt. Ein runder, Funken überspringender Auftritt der Förderpreisträger. Noch im Ohr: das Lied über das unbedingte Badewasser-Einlassen-Wollen für die Angebetete. Soweit dies. Bis zur Auflösung sieben Jahre später hat Herr Nilsson insgesamt vier Alben veröffentlicht. Warum die Band nie so richtig über den Status „ziemlich bekannt“ hinauskam (und es übrigens auch dann nicht mehr in die Bestenliste schaffte), sei dahingestellt. Jedenfalls hat Jan Böttcher den Status überschritten – als Schriftsteller, ausgezeichnet u. a. beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb 2007 – und er hat als Musiker weitergemacht und jetzt eine Solo-CD vorgelegt: Vom anderen Ende des Flures.
Dieses andere Flurende ist schummrig und rätselhaft. Von dort kommen mal traurige, mal beschwingte Töne mit melancholischen oder ironischen Untertönen. Und dort liegen die Räume, die Böttcher dem Hörer öffnet: die Klapse mit Bed & Breakfast, die Porno-Galeere, die Schlucht, die aus dem Paradies führt... Ein Lied geht in einen Zeit-Raum, nämlich den der Kindheit und Pubertät. Titel: „Die frühen Verluste“. Es ist ein Klagelied ohne Anklage. Über Schoko- und Fernseh-Verbot, in Arrest sperren, Ball wegnehmen, Schallplatten zerbrechen – über all diese allzu bekannten Erziehungsmaßnahmen von Eltern oder Erwachsenen, die ihre Kinder am liebsten einfrieren möchten, um sie als „zivilisierte“ Menschen wieder aufzutauen. Das Heranwachsen als Albtraum. Jan Böttcher bringt dieses verdammte Gefühl, das jede/r Jugendliche irgendwann einmal hat, auf den Punkt: Die Erwachsenen wollen einem eigentlich nur den Spaß am Leben nehmen. Und ganz hinten zwischen den Zeilen
„Wie die Weiden sich verneigen oder der Wacholderstrauch, wie er sich biegt, als würd er zuhören, und vielleicht tut er das ja auch. Jedenfalls brennt er nicht und spricht nicht, dazu sind wir auserkoren. Man sieht sich immer zweimal – wer das glaubt, hat schon verloren.“
Da scheinen Assoziationen auf. Brennender Strauch oder Busch, der spricht – Moses – die Zehn Gebote. Da zeigt sich ein brillanter Texter: Den wirklichen Reim muss sich der Zuhörer machen. Und wie ist der Schluss zu knacken? Hat gewonnen, wer endgültig Abschied nehmen kann? Überraschende Geschichten, unverbrauchte Bilder. Da hat sich jemand weiterentwickelt am anderen Ende des Flurs. Die persönliche Empfehlung – Oktober 2008 Jan Böttcher – Die frühen Verluste Auf: Jan Böttcher – Vom anderen Ende des Flures Kook (www.kook-label.de) Empfohlen von Rainer Hannes, Baden-Baden |