Gewisse CDs muss man mehrmals hören, um sie richtig zu verstehen. Andere lagern immer nur zuunterst im Stapel und finden gar nie den Weg in den CD-Spieler. Vom anderen Ende des Flures könnte so ein Album sein, das kaum gehört wieder in der Versenkung verschwindet. Dabei schreibt Jan Böttcher feine, ausgefallene, oft kryptische Texte, die immer neue Bilder, Ebenen und Deutungen erschließen. Manchmal wiegen die Worte schwer wie Blei, wie etwa in „Die frühen Verluste“ oder „Kommando Kassandra“, die Böttcher in federleicht schwingende Ohrwürmer verpackt. Ab und an hüpfen die Worte frei und fast fröhlich – und doch traut man der erbaulichen Stimmung kaum. Jan Böttcher braucht die Gesellschaft nicht zu kritisieren, er muss sie nur beschreiben. „Wellness“ etwa ist so ein Lied. Da fällt kein böses Wort, aber die Bilder dieser Plastikwelt, mit Palmen an der Autobahn, Musik von Bach im Entspannungsmodul Nr. 3 und der Begleiterin mit dem grünen Armreif, die nur biologisches Essen und kein Chlor mag, zeichnen eine Welt fern echter Gefühle und Natürlichkeit. Leicht macht es einem der Schriftsteller und Sänger der 2007 aufgelösten Berliner Band Herr Nilsson mit seinen Texten nicht. Trotzdem lässt er einen mit seinen Gedankenblitzen oft abheben. Jan Böttchers klarer Tenor und die sparsame Begleitung (akustische Gitarren dominieren, hier und da wird eine Gitarre durch einen Verzerrer gejagt, ein Banjo, etwas Perkussion, einmal eine Trompete) sorgen für ein Gefühl der Schwerelosigkeit inmitten einer wohligen Schwermut. Vom anderen Ende des Flures ist kein einfach zu beschreibendes, dafür umso eigenwilligeres, feines Album geworden. Es wird wohl zu leise und unaufdringlich sein, um im Radio gespielt zu werden. Das ohne jede Plastikeinlage auskommende Digipack besticht mit rätselhaften Grafiken, die sich frei an die Liedtexte anlehnen. Aber auch diese holzschnittartigen Stempel erschließen sich erst dem zweiten Blick.
Die persönliche Empfehlung CD – Oktober 2008 : Jan Böttcher – Vom anderen Ende des Flures Kook (www.kook-label.de) Empfohlen von Martin Steiner, Winterthur, Schweiz |