Ach, so unverkrampft können wohl nur Österreicher über Deutschland herziehen. „Von vorn mit Anlauf“ und demzufolge nicht gerade zimperlich bekritteln Texter, Komponist und Arrangeur Roger Stein und Sängerin Sandra Kreisler alias Wortfront Alltag, Gesellschaft und Kulturverständnis ihrer Zeit, was durchaus noch unter „typisch deutsch“ einzuordnen wäre. Anders aber als so manche allzu bedeutungsschwere deutsche Liedermacherei erzeugen die pointierten Textwendungen, ausgefeilten Arrangements und präzisen, teils bitterbösen Beobachtungen von Wortfront beim Hörer mal ein stilles in sich Hineinschmunzeln, mal explodierende Lachsalven.
Von vorn mit Anlauf ist der Triumph der Möglichkeit der beiden Wortfront-Künstler mit allen Konventionen zu brechen. Eingängige Poparrangements verbinden sie mit bissigen, wohltuend unverfrorenen Texten, hinter wunderbaren Balladen versteckt sich tiefgehende Kritik an gesellschaftlichen Missständen. Kurz gesagt, auch Pop geht politisch.
Erfreulich auch, endlich einmal wieder der Leichtigkeit gut ausgebildeter Stimmen zuzuhören. Die chansoneske Unmittelbarkeit von Sandra Kreisler, die eine Gänsehaut der nächsten folgen lässt – wie bei „Berlin“ oder „Es regnet“ – wechselt sich mit den wütend-forschen Sprechgesängen des Roger Stein ab. Keine Zeit für Langeweile.
Was bereits 2006 auf dem Album Lieder eines postmodernen Arschlochs, dem Erstling des Duos, anklang, ist hier perfektioniert worden: nicht allein Text und Komposition vermitteln die Botschaft, nein, die Arrangements sprechen für sich selbst. Ein Wermutstropfen ist der teilweise dumpfe Klang der Produktion, durch den die eine oder andere Feinheit der Musik verschluckt wird.
Nur eine Frage bleibt: wer zum Teufel hört eigentlich die ganze „Volksmusik“ (Track 3)???
Die persönliche Empfehlung CD – November 2008 Text Ton Records/Broken Silence (www.wortfront.com) |