Ursprünglich wollte ich mich an dieser Stelle näher befassen mit dem Duisburger Danny Dziuk und seinen lakonischen Litaneien, bevölkert von bizarren Typen und abenteuerlichen Gedanken-Purzelbäumen. Doch Fakt ist: Andere sind mir zuvorgekommen. Die geschätzten Jurykollegen haben bereits im Dezember das aromareiche neue Song-Mahl Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers von Dannys Band Dziuks Küche goutiert, für gut befunden und in demokratischer Abstimmung zur CD des Monats gekürt. Dem ist nichts hinzuzufügen, und so möchte ich diese Rubrik anderweitig nutzen – nämlich um auf einen Mann aufmerksam zu machen, dessen neuestes Musik-Menü ebenfalls vorzüglich mundet. Ich meine Achim Reichel mit Michels Gold, das schon im goldenen Frühherbst ’08 veröffentlicht wurde, aber sein Zuspruchs-Potenzial sicher noch nicht voll ausgeschöpft hat. Der Hamburger Reichel hat vieles ausprobiert – er war Beat-Boy, kosmischer Pionier, singender Literaturagent – , doch als Interpret von „Volxliedern“, wie er es nennt, scheint er endgültig bei sich angekommen. Sein Rezept, seit den Tagen der Regenballade (1978) stets verfeinert, ist dabei recht schlicht: regionale Zutaten, Überliefertes aus Omas (Text-)Küche, die Zubereitung mit moderner Technik. Diesen Spagat haben schon andere gewagt – und sind meist kläglich gescheitert. Reichel aber hält die Balance zwischen Tradition bewahren und Neues suchen, weil er die Perspektive im Grunde umkehrt: die Errungenschaften der Moderne bewahren und die Überlieferung entdecken. So startet er seine Zeitreise als einer, der das zeitgenössische Sound-Repertoire mühelos abrufen und variieren kann und so ganz lässig abtaucht in vergangene Kunstsphären, die doch eigentlich sehr volkstümliche sind.
Toll, was er da ausgegraben und teils mit eigenen, teils mit altehrwürdigen Melodien garniert hat: teutonische Poesie aus früheren Jahrhunderten, vom romantischen Vers bis zur dramatischen Ballade, kündend von Abenteurer-Übermut, Natursehnsucht, Liebesschmerz und Todesahnung, all das gekonnt vorgetragen mit gleich viel Pathos und augenzwinkernder Distanz. „Der Goldrausch“, eine Moritat von Ferdinand Avenarius (1856-1923) über den Fluch der maßlosen Gier, aufgenommen vor der Finanzkrise, besitzt beklemmende Aktualität. Und wenn der Hamburger Jung aus Hoffmann von Fallerslebens „Ich hab die Nacht geträumet“ den „Blues vom schweren Traum“ formt, wenn er Joseph von Eichendorffs „Mondnacht“ in die Mitternachts-Jazzballade „Meine Seele spannte weit ihre Flügel aus“ verwandelt, ist er in bester Form – wie seine Band um Ex-Ougenweide Frank Wulff, die saftige, bodenständige, zugleich raffiniert abgeschmeckte Klänge zwischen Folk, Rock, Jazz, Soul und Blues serviert. Als Volkssänger – das macht Achim Reichel deutlich – muss man weder im Zillertal geboren noch durch die Schule der Burg Waldeck gegangen sein. Und das ist gut so.
Die persönliche Empfehlung CD – Januar 2009 Tangram/Indigo (www.indigo.de) |