Vor fast genau 50 Jahren war die Schlagersängerin Lolita Monate lang in den Hitparaden mit der Fernweh-Schnulze „Seemann, deine Heimat ist das Meer“, deren Anfangszeile „Seemann, laß das Träumen“ lautete. Die gleiche Zeile und weitere verbale Versatzstücke aus dem Hit von 1960 verwendet Nils Kannemann, Straßenmusiker aus Hamburg, wenn er das Klischee des sentimentalen Seemannsschlagers mit der wenig romantischen Realität konfrontiert. Und das ist typisch für einen wichtigen Teil der Lieder seiner neuen CD: hier ist ein „Hamburger Jung“, der sich - bei aller Liebe zu Seefahrts- und Hafen-Romantik-Metaphern in seinen schönen und zeitgemäßen Liebesliedern - den nüchtern-kritischen Blick auf die Schattenseiten der Gesellschaft, insbesondere moderner Großstädte und speziell seiner Heimatstadt bewahrt hat. Der autobiographische Song im Rockabilly-Sound „Ghetto ohne Zukunft“ - er bekommt durch den Hamburger Tonfall zusätzliche Authentizität - ist die schonungslose Beschreibung eines Großstadtviertels, das Kommunalpolitiker gern als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen. „Das Ghetto ohne Zukunft ..., das meine Zukunft war ...“, so beschreibt Kannemann rückschauend seine Kindheit und Jugend in der Plattenbau-Siedlung, die ihm bei aller äußeren Trostlosigkeit aber auch individuelle Glücksmomente bescherte („ .. jeder Sperrmüllhaufen ein Paradies ...“).
Auf der anderen Seite die Erinnerung an die bedrückenden und bedrohlichen Bilder und Szenen aus dem Alltag dieses Viertels: der kahlrasierte Neonazi mit erhobenem rechten Arm und mit dem Bier in der Linken; die alkoholkranke Frau, die, vom Fusel-Konsum halb bewußtlos, ins Zimmer ihrer Tochter hineinfällt und damit ungewollt erste zarte Annäherungsversuche zwischen Tochter und Freund zunichte macht - Bilder, die wie eine groteske Film-Sequenz wirken. „Das Ghetto ohne Zukunft ist ein Teil von meinem Leben“ singt Kannemann am Schluß des Liedes. Nach langer Zeit hat er dem Viertel wieder einen Besuch abgestattet und mußte dabei feststellen, daß sich kaum etwas geändert hat. Sein Fazit: „Es ist schon gut zu wissen, wo man wirklich herkommt, damit man nie mehr, wirklich nie mehr zurückgeht.“
Kannemann hat Text und Melodie dieses Liedes, wie bei allen anderen Songs der CD, selbst geschrieben und fast alle Instrumente selbst eingespielt. Text, Musik und Interpretation bilden, schnörkellos und direkt, eine ausdrucksstarke künstlerische Einheit. Das Lied zeigt, genau wie einige andere, thematisch ähnliche Songs dieser CD, daß der exzellente Musiker und Liebeslieder-Macher mit dem typischen Hamburger Flair zugleich auch ein überzeugender gesellschaftspolitisch engagierter Singer-Songwriter ist. In einem Presse-text habe ich gelesen: „Kannemann ist kein Leichtmatrose“. Eine schöne und treffende Formulierung. Die persönliche Empfehlung Lied – Januar 2010 Kannemann – Das Ghetto ohne Zukunft Auf: Kannemann – Flache Wasser sind still Moon Sound Records (www.moonsound-records.de) Empfohlen von Karl-Heinz Schmieding, Saarbrücken |