Es gibt Lieder, in denen ist das Glas halb voll. In anderen ist es halb leer. Und sie erzählen oft davon, warum das so ist, erzählen von Armut, Dummheit, Gewalt, Angst zu Hause, auf der Straße, bei der Arbeit, in der Gesellschaft, nebenan und auf dem Globus. Notwendige Lieder, weil sie alle letztendlich das „bessere Leben“ einfordern. Und viele werden sicher deswegen auch in die Liederbestenliste gewählt.
In Michy Reinckes Titelsong seines neuen Albums ist das Glas ganz voll: „Jetzt ist schön“. Voller geht nicht, ohne überzulaufen. Wer dies als Weichspülformel eines Positivdenkers aus der Abteilung Schönreden & Reichrechnen nehmen will, kann dies tun, liegt aber völlig daneben. Der Song hat mit Zeit zu tun, die Reincke hat und sich gibt. Zeit, die wir uns offenbar nicht mehr nehmen können, weil sie uns „irgendwie“ abhanden gekommen ist.
„Jetzt ist ...“. Dazu eine kurze, vielleicht bekannte Geschichte: Drei Europäer treffen einen alten Zen-Meister. Sie fragen ihn neugierig: „Sag, wie kommt es, dass du trotz deiner vielen Beschäftigungen immer so gelassen auf uns wirkst?“ Der Zen-Meister hält kurz inne, dann antwortet er bereitwillig: „Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich.“ „Ach so, nein, das machen wir auch. Kannst du uns erklären, was dich so gelassen macht?“ Wieder antwortet der alte Zen-Meister: „Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich ...“ „Nein“, unterbrechen ihn die Europäer ungeduldig, „das machen wir auch, kannst du uns nicht das Geheimnis deiner Gelassenheit verraten?“ „Macht Ihr das wirklich auch?" fragt der alte Zen-Meister. „Ist es nicht eher so: Wenn Ihr sitzt, dann steht Ihr schon. Wenn Ihr steht, dann lauft Ihr schon. Wenn Ihr lauft, dann seid Ihr schon am Ziel ...?“
Jetzt ist sitzen. Jetzt ist laufen. „Jetzt ist schön. Lass dich treiben“, singt Michy Reincke weiter, „wir alle bauen nur Sandburgen vor die Flut. Wie soll das gehen zu bleiben?“
Melancholisch ist das, sicher, aber da ist kein Pathos, keine Süße, kein falscher Ton. Das überzeugt und mir fällt ein Satz ein, den einer vor rund 200 Jahren in sein Werk geschrieben hat – es ging um eine ziemlich große, grundsätzliche Sache: „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ („Wie soll das gehen zu bleiben?“) Dass sich heute ein deutscher Singer/Songwriter, der meiner Meinung nach leider immer etwas unterschätzt wurde, sich mit dem vertrackten Ding des Augenblicks befasst und dazu eine ehrliche, nämlich seine Antwort hat, tut gut zu hören. Ich halte auch Lieder, in denen das Glas randvoll ist, für notwendig. Die persönliche Empfehlung Lied – April 2010
Auf: Michy Reincke – Jetzt ist schön Rintintin Musik (www.rintintinmusik.de) Empfohlen von: Rainer Hannes, Baden-Baden |