Die Liedtitel der vorliegenden Paul Bartsch-CD lassen zunächst in erster Linie Privates vermuten: „Winter am Kamin“, „Häuschen im Grünen“, „Toscana-Blues“ oder auch „Traum vom Apfelbaum“. Achtet man aber auf die Texte – und das sollte man bei Bartsch unbedingt tun – so wird sehr schnell klar, dass da einer agiert, der es auf gekonnte Weise versteht, Individuelles und Gesellschaftliches miteinander zu verknüpfen. So entsteht eine überaus unterhaltsame und gleichermaßen in die Tiefe gehende Mixtur feinster Rockpoesie. Die Welt wolle er diesmal nicht verändern, lässt er sein Publikum zu Beginn des brillanten Konzertmitschnitts wissen, doch sein Blick auf die Realitäten bleibt wach und kritisch.
Immer wieder ermöglicht Bartsch in den Liedtexten seine ganz persönliche Sicht auf die Natur der Dinge. Er macht deutlich – und zwar ohne jegliche Besserwisserei – dass jeder Einzelne an seinem Platz tätig werden und nicht unerfüllbare Heilserwartungen an übergeordnete Instanzen richten sollte. Der Song „Arche“ thematisiert die ewige Hoffnung auf Rettung aus verfahrenen Lebenssituationen. In „Einerlei/Irgendwer“ geht es um die Sinnsuche menschlichen Daseins. Von Stillstand und Hoffnungslosigkeit ist im Lied „Irgendwo“ die Rede. „Irgendwo ist es besser“. Der Reggae-Song „Manchmal“ bringt die Problematik wieder auf den Punkt: Erwarte nicht Hilfe und Patentrezepte von anderen, tu selber etwas.
Im „Toskana-Blues“ schildert Bartsch zunächst die Annehmlichkeiten südlicher Lebensart, um am Ende des Liedes zu einer Erkenntnis zu gelangen, die eine der Grundlagen des Urchristentums beziehungsweise des Anarchismus sein dürfte: Jeder gibt, was er kann und nimmt, was er braucht. Eine schöne Vorstellung. Der „Traum vom Apfelbaum“ ist eine musikalische Verbeugung vor der legendären Renft-Combo, die zu DDR-Zeiten verboten war.
Angenehm sind auch die intelligenten, manchmal fast lyrischen Zwischenansagen. Bartsch hat eine Handvoll hervorragender Musiker um sich versammelt, die ganz wesentlich zum positiven Gesamteindruck dieser bemerkenswerten Produktion beigetragen haben: Jens Tannert (Perkussion), Gerd Hecht (Bass), Sander Lueken (Keyboard) und allen voran der famose Gitarrist Thomas Fahnert. Schade, dass die Liedtexte nicht im Booklet nachzulesen sind. So ist man gezwungen, genauer hinzuhören, was sich aber auch als ein Vorteil erweisen kann. Die Aufnahmequalität dieser 70-minütigen Live-CD ist hervorragend. Da geht wirklich keine Nuance verloren.
Bei aller inhaltlichen Bedeutungsschwere kommen diese Songs leicht und gleichzeitig kraftvoll dahergeflogen, bleiben eine Weile, um dann wieder auf die Reise zu gehen. Die persönliche Empfehlung CD: – Juni 2010 Bartsch & Band – Live im Objekt 5 Blackbird Café Berlin Records (www.bcb-records.de) Empfohlen von: Kai Engelke, Surwold/Emsland |