Als Nordlicht wusste ich bislang nicht, wer oder was ein „Boandlkramer“ ist. Mir reichte es, wenn die Münchner Dialektmusiker Schorsch H. und Dr. Will davon sangen. In den Linernotes zu ihrer CD Together fragen sie, ob oberhalb der Donau überhaupt jemand wisse, wer der Boandlkramer ist. Nicht ohne, dass Schorsch dieser Frage die Schilderung eines eigenes Erlebnisses voran stellt: „Den Song hab ich geschrieben nach einem längeren Krankenhausaufenthalt, wo der ‚Boandlkraner’ schon einmal angeklopft hat. So schnell kriegst Du mich noch nicht – schleich dich wieder!“
Der Rest kommt mit Dialektgesang, schwerem Schlagzeug und einem dem Deltablues entlehnten Bottleneck-Gitarrenspiel daher. Der Text über die Ablehnung des Boandlkamers ist unspektakulär einfach und hält sich, was nicht unbedingt zu deutschen Liedformen passt, an das AAB-Bluesschema. Derlei Annäherungen an afroamerikanische Musikformen gehen in deutschen Landen meistens schief, diesmal aber passt es, ermöglicht durch die Lässigkeit des Vortrages und die Einfachheit der Aussage: Schorsch will den Boandlkamer nicht, aus Empathie für den Sänger will ich den Boandlkamer auch nicht, besonders nachdem die Recherche ergibt, dass der Boandlkamer der Tod ist. Nein, den will ich nicht. So einfach ist das. Ich bin dagegen, dass mir das Lebenslicht ausgeblasen wird. Und ich bin gegen alle Personifikationen derer, die mir das Lebenslicht ausblasen könnten, eben gegen alle Knochenhändler. (Was eine genauere Übersetzung des „Boandlkramers“ ist.) Davon muss der Schorsch aber nicht singen. Es reicht ein „Schleich di“ und der in einfache Worte und simple Kalenderweisheiten gefasste Wunsch, zu überleben. Jeder weiß, wer die Händler des Todes sind, um ihnen ein „Schleich di“ entgegen zu rufen.
Es ist eine Kunst, so etwas singen zu können. Keine gute ist es hingegen, Leitartikel oder Parteiprogramme zu vertonen, lehrpädagogische Lyrik mit Musik zu versetzen. In das Fettnäpfchen „Bedeutungsschwangere Belehrungslyrik“, tappen Schorsch und Dr. Will glücklicherweise nicht, diese Malaise deutscher Liedermacher lassen sie hinter sich, weil sie die Lehren aus afroamerikanischer Blues-, Folk- und Populärmusik gezogen haben. Das Erfolgsrezept dieser Musiken lautet: „Finde einfache Worte und einen individuellen Ausdruck, der so individuell ist, dass sich viele, viele Hörer damit identifizieren können.“ Aus Hank Williams wurde so der vielgerühmte „Shakespeare der amerikanischen Musik“, aus Robert Johnson ein „Meisterpoet der afroamerikanischer Erfahrung“. Eine kleine Pretiose wie „Schleich Di Boandlkramer“ lässt hören, was an (Protest-) Kultur in deutscher Sprache möglich ist, gerade auch, wenn nicht jedes Wort sofort verständlich ist. Die persönliche Empfehlung Lied – Mai 2011 Schorsch H. & Dr. Will – Schleich Di Boandlkramer Auf: Schorsch & Dr. Will – Together BSC (www.bscmusic.com) Empfohlen von Harald Justin, Wien |