Die persönliche Empfehlung - September 2007 erschienen bei Artychoke
Irgendwann braucht jeder Künstler, auch wenn er nicht ausgebrannt ist, Anstöße zu neuer Kreativität. Günther Gall hat sie gefunden und mit Klassiker op platt eine CD vorgelegt, die ich nur empfehlen kann. Darauf findet sich mit „Weltsaldoot“, Galls Nachdichtung des von Buffy Sainte-Marie geschriebenen und durch Donovan weltbekannt gewordenen Liedes, auch ein Titel, der gleich in die Top 10 der Liederbestenliste gesprungen ist.
Günter Gall hat auf Klassiker op platt „musikalische Glückwünsche zu seinem 60. Geburtstag“ vereinigt, wie er selbst sagt. Mit seiner einfühlsamen modulationsreichen Stimme trägt er Lieder vor, die teilweise von Kollegen arrangiert wurden oder die einige auch mit ihrem vielseitigen Instrumentarium begleiten. Die Melodien sind schon oder werden sogleich Ohrwürmer. Ein Aha-Erlebnis gleich am Anfang mit Villons „Ballade van et angenehme Läwe“ mit der leckeren Marie. Und dann „Et soot en kleen weld Vögeltje“ mit den klangvollen Flötentönen von Volker Leiß. Das allbekannte und beliebte Volkslied vom wilden Wassermann bekommt durch die niederdeutsche Mundart eine eigene gefühlvolle Spannung und Erregung, so wie der „Salmfeschershanty“ den Lebenskampf der Menschen am Niederrhein, der Heimat Günter Galls, widerspiegelt. Noch erwähnen möchte ich „Dä Pohl“, im Original „L´estace“ von Lluis Llach, ein Lied für das die Zwillingsbrüder Hein und Oss Kröher einen deutschen Text geschrieben haben, das jetzt in Günter Galls Platt und mit der Gitarrenbegleitung von Konstantin Vassiliev erklingt.
Gall benutzt „Missingsch“ als die der Schriftsprache angenäherte niederdeutsche Sprachform. Der Text ist also meist verständlich und nachvollziehbar. Hilfreich ist im Booklet mit fast allen Liedtexten die Übersetzung der Ausdrücke, die man nicht erraten kann. Das Booklet ist so gestaltet, dass man die Texte sogar (!) lesen kann, weil die winzige Schrift eben nicht, wie heute meist unverständlicherweise angewandt, mit Bildern und Grafiken unterlegt, unkenntlich gemacht ist und den Kampf ums Gelesenwerden verlieren muss. Bei so viel Sympathie bin ich auch geneigt, über einige wirklich ärgerliche Fehler hinwegzusehen, für die wohl Schlamperei bei der Korrektur im handgemachten Booklet verantwortlich ist.
Und bekennen muss ich mich zu meiner Schwäche für den Dialekt - wohl deshalb, weil ich selbst keinen Dialekt beherrsche. Verschafft Schriftsprache mehr Respekt als Mundart? Mir gegenüber nicht. Ich will nicht akademisch werden, andere mögen anders empfinden. Mir signalisiert Dialekt nicht Bildungsmangel, vielmehr offenbart er oft eine ganz persönliche Ausstrahlung und Atmosphäre. Und durch örtlich übliche, eigentümliche, ja spezifische Vokabeln bietet Mundart häufig eine punktgenaue Beschreibung, oft mit oder in nicht unbedingt liebenswürdiger, aber überraschender Ehrlichkeit. Man denke nur an den spitzfindigen Hanns Dieter Hüsch und seinen Herrn Hagenbuch, auch ein liebenswerter Niederrheiner! |