Förderpreis 2017 geht an Tobias Thiele

15. 3. 2017

Förderpreis 2017 geht an Tobias Thiele

Das Album „Unerhört“.

Als ausgesprochen talentiert und vielstimmig zeigt sich der junge Berliner Liedermacher Tobias Thiele auf seinem Album „Unerhört“. Schon im Titelsong zeigt sich die Doppelbödigkeit seiner Texte, denn ‚unerhört‘ meint hier nicht
‚skandalös‘ oder ‚unverschämt‘, sondern ‚vergessen‘: „All die ungesungenen Lieder bleiben unerhört … all die totgesagten Dichter bleiben unerhört….“ Auch in den anderen Liedern zeigt sich Tobias Thiele als aufmerksamer Beobachter seiner Zeit, der eine eigene originelle Sprache vorweisen kann. Er thematisiert Umweltschutz, Medien, Prostitution, Heimatlosigkeit – auch ein Lovesong („Viele Meilen“) darf mal dabei sein. Im Song „Heimat“ reflektiert Thiele seinen eigenen Grenzgang zwischen deutscher Liedermachertradition und seiner Hinwendung zur Musik Südamerikas, vor allem Chiles, der er auch zwei Songs („Entre los mundos“ und „Cuando me fui“) widmet. Einige Latin-geprägten Intros seiner deutschen Lieder („Straßenrand“) nehmen darauf Bezug.

Im erfrischenden Sound des Albums gibt sich Thiele experimentierfreudig: Mal begleitet der Musikwissenschaftler, der nebenbei Kindern in einem Berliner Jugendzentrum das Gitarre spielen beibringt, seine warme Stimme nur mit feinsinniger akustischer Gitarre, auf der anderen Seite greift er virtuos und spielerisch ins Computer- und Elektroniklabor und geht mit rhythmisch vertrackten Drums- und Hip-Hop-Zitaten in Richtung Deutsch-Pop. „Sofort, sofort“ erinnert an Peter Fox‘ charmanten Understatement-Hit „Haus am See“ und hat Ohrwurmqualitäten: Bei Thiele entsteht ein lässiger Gute-Laune-Müßiggang-Song mit einem skandierenden Frauenchor im Hintergrund. Als habe Tobias Thiele seine eindeutige Rolle zwischen klassischem Liedermacher und modernem Deutsch-Pop Singer/Songwriter noch nicht final definiert, finden sich die vom Arrangement her überraschenden Pop-Tracks gegen Ende des Albums: „Tausend Worte“ (mit einem ironischen Honky Tonk Piano), „Erinnern“, „Die Zeit“ und eben „Sofort, sofort“. Ein überzeugendes Debut!

Als Mitglied der Förderpreis-Jury: Wolfgang Rumpf