130. Geburtstag, 45. Todestag - Hermann Hesse wird uns in diesem Sommer noch oft begegnen, wenn ihn die themenkonjunkturellen Feuilletonschreiber preisen. Jan Martin Mächler hat das nicht nötig. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Hesses Lyrik, die viel weniger bekannt ist als Romane wie Der Steppenwolf und Siddharta. Der Berner Musiker kommt von der Klassik her; er ist ein gefeierter Oratoriensänger und Operntenor. Als Komponist, Interpret und Multiinstrumentalist lässt er sich nur gelegentlich von Gastmusikern auf Gitarren, Perkussions- und Streichinstrumenten aushelfen. Seinen Vertonungen, die dem Kunstlied näher stehen als der Wandervogelseligkeit des Liedermachens, ist anzumerken, dass er sich gründlich auf die Texte eingelassen hat.
Mit jeder Zeile, nahezu jedem Wort müht er sich ab wie ein Steinmetz mit dem Werkstoff, findet Akzente, Perioden und Rhythmen, hält inne, tritt in Dialog mit Begleitinstrumenten, entfesselt, staut, kanalisiert und lenkt die Melodieströme. In seinen Versen hielt sich Hesse selten an Formstrenge und sparsame Verdichtung; die hier ausgewählte Lyrik ist eher eine meditative Versuchsanordnung über Themen wie Vergänglichkeit, Natur, Alter, Gottesferne und -suche, Erinnerung und Sehnsucht.
Dieses Grübeln und Herumprobieren mit Worten, Bildern und Gedanken vollzieht der Komponist nach, z. B. wenn er einzelne Passagen wiederholt und verschränkt. Bei dem Lied „In Sand geschrieben“ sind es die hier aneinander gereihten Sinnbilder für Dauer und Flüchtigkeit: „Wolke, Blume, Seifenblase, / Feuerwerk und Kinderlachen, / Frauenblick im Spiegelglase / ...Edelstein mit kühlem Feuer, / Glänzendschwere Goldesbarre; / Selbst die Sterne, nicht zu zählen...“
Das überschwänglich-sakrale Pathos des oft mehrstimmigen Vortrags mag gewöhnungsbedürftig sein: Für Hesse, der zeitlebens dem Theater entsagt hat und nie verfilmt werden wollte, sind diese ausdrucksstarken Litaneien und strahlenden Akkorde, in denen Ironie und Verfremdung, Rock- und Bluesfarben in der Art von King Crimson nicht fehlen, die angemessene Inszenierung. So könnte die imaginäre Musik des Glasperlenspiels klingen. Wer sich aus seiner Hesse-Phase noch einen Sinn für gediegene künstlerische Wertarbeit behalten hat, wird diese Vertonungen lieben und sich die CD beschaffen.
Juni 2007
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