Liederpreisträger 2008 der Liederbestenliste: Wenzel
Freitag 10 Oktober 2008
Eine Würdigung von Markus Wittpenn*
Am 22. November wird ein großer Mann in einem Saal in Wien unter Applaus sein langes Haar schütteln und gerührt lächeln. Er wird aufstehen, eine Bühne betreten und – nunmehr zum dritten Mal – den Liederpreis entgegennehmen. Für das Lied „Tausend Tode“ von seinem Album Glaubt nie, was ich singe. Er ist einer der ungewöhnlichsten Künstler, die Deutschlands Musikszene beleben: Hans-Eckardt Wenzel, Musiker und Kabarettist, Poet und Clown, Komponist und Regisseur in einer Person. Aber es ist nicht allein die atemberaubende Vielfalt in Wenzels Schaffen, die ihn zum Ausnahmekünstler in unserem Lande macht. Ist es die gefühlte Poesie in seiner Musik, in seinen Texten, die Intensität seiner Lieder, das aufmerksame Auge eines Menschen, der mehr wahrnimmt, mehr verarbeitet als der Durchschnitt? Wenzels Lieder können Traurigkeit und Liebestaumel in tiefer Vielschichtigkeit vermitteln, gerade noch nippt man am Kelch der Melancholie, schon öffnet sich unverhofft ein Augenzwinkern wie ein blauer Schimmer am grauen Himmel. Wenzel ermöglicht dem Zuhörer, teilzuhaben an seiner besonderen Art, die Welt zu sehen. Ein staunender Blick manchmal, oft auch ein sinnlich-lustvoller, wie ihn kaum ein anderer deutschsprachiger Künstler vermitteln könnte, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Dabei vereint er das vermeintlich „Undeutsche“ mit dem vermeintlich „Deutschen“: Sinnlichkeit, Ironie, Poesie, Melancholie und Philosophie treffen auf handwerkliche Präzision und qualitativen Ehrgeiz, zu unserem Gewinn, ohne die zähe Verbissenheit der „Vorsprung-durch-Technik“-Mentalität. Wenzel repräsentiert nicht den Mainstream dieses Landes und seinen schnellen, oberflächlichen Blick, seine Gier nach billiger Zerstreuung, sondern all das, was oft verdrängt, verboten, eingesperrt wurde, in Giftschränken landete, was tiefer geht – und was viele bis heute als Teil unserer Geschichte nicht wahrhaben wollen. Er zeigt uns, wo in unserer Kulturgeschichte auch die Leichtigkeit gelebt hat, der süße Schlendrian, die Lebenslust, all das, was wir uns eigentlich nicht erlauben wollen. Die obszönen und anarchistischen Traditionen, die es auch – zum Beispiel – im deutschen Volkslied gab. Das er dabei nicht zur zynischen Showmaschine mutiert ist, ist eine andere Besonderheit des Künstlers Wenzel.
Nora Guthrie, die Tochter des großen amerikanischen Liedermachers Woody Guthrie, hat das ganz treffend formuliert: „Als ich mir das Publikum anschaute – und wie es auf Wenzel reagierte –, und mir dann Wenzel anschaute, die Art, wie er das Publikum betrachtete, die Liebe in seinen Augen, die Authentizität und Aufrichtigkeit seiner Gefühle für das Publikum – das war kein Showbiz. Es ging nicht darum, CDs zu verkaufen. Das war nicht seine Motivation, es ging nicht um Musik als Geschäft. Da waren nur diese wunderbaren Gefühle, die zwischen Wenzel und dem Publikum hin- und herflossen. Und ich dachte, er sagt und kommuniziert dieselben Dinge, wie es mein Vater tat und Billy Bragg es noch tut.“
Wenzel, der Bühnenmensch. Er liebe das Touren, sagt er über sich, es öffne sich für ihn wie ein Himmel; neue Menschen, neue Erfahrungen. Und wörtlich: „Wenn dich die Leute tragen und mögen und das möchten, das du das machst. Das berührt mich immer wieder.“ Die besondere Ehre, Texte von Guthrie im Auftrag seiner Tochter zu vertonen ist sicher eine unglaubliche Würdigung, zumal für einen deutschsprachigen Musiker. Dass solche Momente in seinem Leben häufiger vorkommen, ist ein weiteres Merkmal des Phänomens Wenzel: 1994 erhält er zum ersten Mal, seit 2000 regelmäßig den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Und eben 2001 und 2005 auch den Liederpreis der Liederbestenliste sowie zahlreiche andere Ehrungen. Das alles ohne einen großen Apparat, da ist keine gigantische PR-Maschine, sondern allein die Kraft und die Poesie seiner Worte und seiner Musik
Der Umgang mit der Sprache, spielerisch, leicht, aber auch zielstrebig, zeichnet Wenzel aus. Im Gespräch mit ihm erschließt sich, wie viele Gedanken er zum Thema gefasst haben muss. „Wir vertrauen der deutschen Sprache nicht in der modernen Musik“, sagt er und tut alles dafür, zu beweisen, dass es nicht notwendig so sein muss. Wie schwer es manchmal auch sein mag: „… dieses Schlagerhafte und dieses Abstrakte im Deutschen ist eben etwas plumper als im Englischen, ist zu lang, auch vom Wortmaterial, für zwei- oder dreitaktige Melodiephrasen.“
Die Ernsthaftigkeit seiner Herangehensweise scheint manchmal im Widerspruch zur Leichtigkeit des Erreichten zu stehen. Aber auch hier erscheint ein Unterschied zu anderen Künstlern – zum Beispiel aus der Liedermacherszene: Wo andere, gerade auch westdeutsche Sänger und Songwriter, sich schon mal zu grimmiger Bitterkeit und einem nicht ganz unproblematischen politischen Engagement hinreißen lassen, bleibt Wenzel gelassen, menschlich, im schlimmsten Fall ironisch. Eben weil sein Blick weiter gefasst ist, die Enge von Schubladen jeglicher Gattung nicht kennt und den Horizont abscannt, wo andere gegen die Wand starren. Von diesem Blick kann der Zuhörer profitieren.
„Die Musik“, sagt Wenzel, „ist der Ursprung der Poesie.“ Wenn man seine Alben hört, fühlt man, dass es wahr ist. In diesem Sinne sei sein neues, Ende Oktober erschienenes Soloalbum Wenzel:Solo:Live empfohlen. Anschließend wird man ihn wieder auf Bühnen, nicht nur in Deutschland erleben. Bleibt zu hoffen, dass dem Mann auch ein bisschen Zeit bleibt für seine „anderen“ Pläne: einen Roman über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch und ein Essay über den Philosophen Walter Benjamin.
* Markus Wittpenn ist freier Autor aus Leipzig. Unter anderem schreibt er für die Leipziger Volkszeitung.
www.wenzel-im-netz.de
Vorabdruck aus Folker! – Das Magazin für Folk, Lied und Weltmusik Heft 6/08 – November/Dezember www.folker.de
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