Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

DEZ 2006  Tom Schroeder, Mainz

Hannes Wader - Familienerbe

Hannes Wader als Ahnenforscher, der alte „Tankerkönig“ als starker Erzähler in einer Mischung aus Talking Blues und Bänkelsong: Von 1878 („dem verfluchten Jahr“) mit Bismarcks Sozialistengesetzen „gegen die gemeingefährlichen Umtriebe der Sozialdemokratie“ über 1914/18, dann den Börsenkrach von 1929 und den Faschismus bis zum Kriegsende („Nazi-Deutschland ist besiegt“) reicht die vom Sänger episodenhaft beschriebene Zeitspanne.

Deutsche Geschichte und Familiengeschichten kreuzen einander, hochdramatische biographische Szenen sind verknüpft mit wichtigen historischen Ereignissen. So erleben wir zum Beispiel Oma und Opa von Hannes, oder den Ur-Großvater und den Vater – auch in der Not nie ganz ohne Hoffnung und Gegenwehr. Also mit Haltung. In der Geschichte der Arbeiterbewegung war Solidarität kein Fremdwort.

Der Songs ist mehr als sechzehn Minuten lang, genau: handgestoppte 16‘13‘‘. Das heißt: Es wird ihn (mit der Behauptung „Viel zu lang!“) mal wieder keine Sau im Radio spielen, zu einer ganz normalen Tageszeit in einem der Hauptprogramme.

Früher hatten wir Sozialistengesetze. Heute haben wir das Formatradio und Sabine Christiansen. Soviel zum Fortschritt der Menschheit. 

NOV 2006  Matthias Inhoffen, Stuttgart

FitlaffHaenni - Save My Soul

Welch famose grenzüberschreitende Zusammenarbeit! An den Schlagbäumen und Zollhäuschen, die Deutschland und die Schweiz trennen, wird noch kontrolliert und inspiziert wie in alter Zeit - inmitten der wachsenden EU sind die Eidgenossen ungebrochen stolz auf ihre Neutralität. Doch die Kunst ist so frei, solche Barrieren zu ignorieren: Fitzlaff Haenni & Notty’s Jug Serenaders zeigen mit der CD Wääh!, dass die Kehrseite des Schweizer Individualismus eine souveräne Weltoffenheit ist. Die manifestiert sich bei ihnen in einem delikaten Balanceakt zwischen Kabarett und Musik, Show und Ernst, Power und Satire, Provinz und Metropole und und und ...

Die Mischung macht"s. Die beiden Nordschweizer Roland Fitzlaff und Uelli Haenni können sich auf ein zwanzig Jahre dickes Erfahrungspolster als Wortjongleure und Bühnenakteure verlassen. Notty"s Jug Serenaders wiederum - eine internationale Formation aus Konstanz am Bodensee - haben sich ebenso lange darin geübt, fußend auf der Tradition der amerikanischen Jug Bands spielerisch Klänge aus Blues, Ur-Jazz und alpenländischer Folklore zu verbandeln.

Auf Wääh! ist ihnen das vortrefflich gelungen, und FitzlaffHaenni geben ihren sarkastischen Senf dazu. Die Nummer „Haiweh“, eine bissige Abrechnung mit dem politischen Neokonservatismus in der Schweiz, machte bereits ihren Weg in die Liederbestenliste. Eine starke Empfehlung verdient auch der Titel „Save My Soul“. Texter Haenni sinniert hier auf höchst vergnügliche Weise über die Abhängigkeit des modernen Menschen vom Computer und seinen vermeintlichen Segnungen wie Informationsflut, bunte (gerne auch erotische) Bildchen, Games, Chat-Rooms. Der PC streikt, gibt den Geist auf, und das macht dem Mann an den Tasten erst so richtig bewusst, wie sein Leben am Bildschirm hängt. Sein Fazit, frei übersetzt: Ist mal dein Compi fort, stirbst du am besten gerade mit. Dazu zeigen sich Sänger und Instrumentalisten von ihrer Schokoladenseite: mit fast opernhafter Stimmartikulation zu unkonventionellem Libretto („Oh, www und http“) und lupenreiner Jazztrompete (Thomas Banholzer).

Auf dem Albumcover warnt die Truppe: „CD nicht geeignet für Humormüffler, Heimatturbos, Machos, Mediomanen, Fastfooder und Slowthinker u.ä.“ Das macht doch gerade den Mund wässrig nach dieser schönen neuen Weltmusik aus dem Voralpenland.

OKT 2006  Danuta Görnandt, Krams

Michael Schiefel - Deutsch

Ein Mann, eine Stimme und unendlich viele Sounds - das war bislang Michael Schiefel. Er ist dies immer noch, hat sich zwischen Pop und Jazz, zwischen Madrigal und Techno einen eigenen Stil geschaffen. Im Zentrum seine Stimme, vervielfacht und verfremdet durch Loops und Soundeffekte. Auch dass er einige deutsche Texte singt, überrascht nicht mehr. Neu ist, dass er über das Verfassen deutscher Texte überaus originell zu dichten in der Lage ist:

"Meine Sprache ist halt schwierig,
mal zu dröge, mal zu schmierig,
aber nie so richtig lyrisch,
darum nervt sie manchmal tierisch."

Schiefel sieht sich als Jazz-Sänger, auch wenn er Ausflüge in die Popwelt macht und sich mit anderen Stilen beschäftigt. Und im Jazz dominiert das Englische nun einmal die Szenerie. Nach seiner Beschäftigung mit einigen Songs der Neuen-Deutschen Welle wollte er nun aber selbst Texte in der Muttersprache verfassen und konstatierte eigene Schwierigkeiten. Im Ergebnis beschreibt er ziemlich genau jenen Wunsch, darüber zu dichten, wie man sich fühlt, was man erlebt, was einem wichtig ist. Und wie man ins Stottern kommt, wenn man es auf Deutsch versucht. Das Nachdenken darüber setzte ein und wurde von ihm gleich produktiv gemacht. Das nun geschah auf so unverkrampfte und lockere Weise, dass man über das Schmunzeln beim Zuhören fast vergisst, dass das Problem trotz Aufschwungs in der jungen deutschsprachigen Szene ja nicht vom Tisch ist. Michael Schiefel jedenfalls hat mit diesem und auch den drei anderen deutsch getexteten Liedern auf seiner neuen CD auch hier eine eigene Marke gesetzt.

SEPT 2006  Nikolaus Gatter, Köln

Goissahannes - Schwoobaseggl

Auch die Bundesrepublik hatte ihr Liedermacher-Samisdat in den 70- und 80-er Jahren, eine Szene von Verschwörern gegen Medien-Prominenz und Großbühnenevents. Die Ära Reinhard Mey war damals längst vorbei. Wer da in Jugendzentren und Musikkneipen aufspielte, sich von Festival zu Festival hangelte, brauchte keine Charts und war finster entschlossen, lieber unbekannt zu bleiben, als im Showbusiness die Seele zu verkaufen. Die Vertriebsabteilung ersetzte ein Karton selbstproduzierter LPs, in der Pause am Schriftenstand feilgeboten.

Einer von ihnen, der am liebsten mit seiner vollzähligen Landkommune samt Lebendvieh auf Tour gegangen wäre (und es manchmal tat), hieß mit bürgerlichem Namen Johannes Christ, doch alle nannten ihn Goissahannes. Nun hat der liebenswerte Anarchist von der Alb eine CD vorgelegt, getränkt mit den musikalischen Grundfarben von damals, vom irischen Volkston über todesschwermütigen Blues bis zum überschnappend-jubelnden „Kauntry Dudel“.

Darüber kommt das bekennende Schwabentum nicht zu kurz. Goissahannes singt, wie früher, von den Außenseitern und Gestrandeten, für die man auf dem Dorf selten Verständnis aufbringt. Er singt, wie früher, im knorrigen Brutalstschwäbisch: das heißt, in einer Sprache, die nicht stirbt, die niemand kaputtmachen kann - „weil dui Schbrooch nia farregd, dui griagd koe Sau ed hee“. Und seinen Landsleuten reibt er das Motto „schaffe, schbaara, noo farregga“ (arbeiten, sparen, abkratzen) unter die Nase. In dieser Sprache ist jeder Vokal eine Nuance, jede Abweichung im Ton kann die Aussage völlig umkehren - wenn überhaupt, muss man erst recht als Schwabe verdammt gut singen können.

Das Lied, das ich den Hörern der Liederbestenliste besonders empfehlen möchte, offenbart mit Hintersinn, wie wohl sich Goissahannes in dieser Welt fühlt. „Schwoobaseggl“ - ins Hochdeutsch sehr unscharf mit „Schwabensäckchen“ übersetzt - ist eine unvermutet freundliche, ja fast zärtliche Bezeichnung für die Bewohner des „rabenschwarzen“ Dorfs, wo er wohnt. In dieser Straße weiß jeder, wenn einer anders ist und nicht hineinpasst wie Goissahannes, der seine Ruhe will. In dieser Straße ist jeden Samstag „Kehrwoch“, und nachmittags hört man die Staubsauger im Chor summen, bis der Plattenweg staubfrei ist. Und gern wird, wenn keiner hinschaut, der Dreck auch mal zum Nachbargrundstück gewedelt.

Kurz und gut, Goissahannes macht sich nichts draus, „ob des Pagg läbig isch odr ao hee“, was ich im Sinne der guten Nachbarschaft besser nicht dolmetsche. Unangepasst und widerständig lebt und singt er weiter, freut sich seiner Familie, seiner Freunde, seiner Tiere. Und wer es zu genau mit der Kehrwoche nimmt, reiht sich von selbst unter die „Schwoobaseggl“ ein... 

AUG 2006  Martin Steiner, Winterthur, Schweiz

Wenzel - Es war zur Zeit der Kirschenblüte

„Nicht für‘s Süße, nur für‘s Scharfe und für‘s Bittre bin ich da.
Schlag‘, ihr Leute, nicht die Harfe, spiel‘ die Ziehharmonika.

Ein neuer Text von Wenzel ? Nein. Die beiden Zeilen stammen von Theodor Kramer, zuweilen längst vergessener österreichischer, jüdischer Dichter des vergangenen Jahrhunderts, der durch die Höllen des 1. Weltkrieges und der Judenvertreibung gegangen ist und über 10.000 Gedichte hinterlassen hat. Thomas Mann nannte ihn seinerzeit „ einen der größten Dichter der jüngeren Generation.“

Für Wenzel ist das Werk Kramers „ein Steinbruch für meine musikalische Fantasie“. Und so legt er nach 1997 nunmehr die zweite CD mit Vertonungen Kramerscher Gedichte vor, 15 Lieder, von denen ich ganz besonders „Es war zur Zeit der Kirschenblüte“ herausgreifen und empfehlen möchte. Weil: Irgendwie steht es exemplarisch für alle Lieder dieser insgesamt herausragenden CD.

Melodienzauberer Wenzel hat einmal mehr ein sofort reproduzierbares Lied geschrieben, dessen Melodie, in einem sympathischen Volksliedduktus bleibend, man am liebsten gleich mitpfeifen möchte. Lediglich die Ensemblezwischenspiele (grandios die lupenreinen Bläser und die Sätze!!!!) führen weg vom vermeintlichen Heile-Welt-Volkslied. Wenn man den Text daraufhin ein zweites Mal liest und die unruhig dahingaloppierende Gitarre bewusster wahrnimmt, bekommt das Ganze einen ganz anderen, schwergewichtigeren Gehalt. Wer nicht weiß, dass es sich um die Vertonung eines Kramer-Gedichtes handelt, der ist von den ersten Tönen an der Überzeugung, es sei ein reines Wenzel-Lied. Ein schöneres Kompliment kann man einem Lied und seinem Autor wohl nicht machen.

JULI 2006  Martin Steiner, Winterthur, Schweiz

Pankraz - Schwarzes Haar

Pankraz stammen aus dem Osten Deutschlands. Für einen Schweizer wie mich, der von diesem Landesteil höchstens hört, aber ihn kaum je zu sehen bekommt, ist Hundsrose ein willkommener Appetitanreger. Pankraz bedienen die Klischees, die wir von Ostdeutschland kennen ­­- nicht die negativen von braunen Fußball-Hooligans, sondern diejenigen eines Landesteils, wo alles ein wenig geruhsamer und schwermütiger abläuft. Pankraz sind ein willkommenes Gegenmittel zu schnellen Rhythmen, zum Trendigen und einer falschen Gefühlsduselei. Pankraz‘ Lieder nehmen fast gemächlich ihren Lauf. Akkordeon und Geige setzen Akzente, da und dort sind Einflüsse der jiddischen Musik auszumachen. Und der Sänger, Gitarrist und Liederschreiber singt ohne falsches Pathos und Manierismen. Und doch swingt diese Musik. Hundsrose bietet fünfzehn Momentaufnahmen menschlicher Gefühle wie Liebe, Leid und Leidenschaft.

„Schwarzes Haar“ ist eines der eindrücklichsten dieser Lieder. In dieser Geschichte, die in Braunau im Sudetenland spielt, erzählt Thomas Fimpel vom Schicksal der schönen jüdischen Kaufmannstochter Sarah, die sich in die glänzende Uniform von Friedrich, dem Müllersohn, verliebt. Sarah hat keine Augen für Vaclav, der sie „wie Schmerzen erträgt“. „Er kämpft für die kleinere Nation des Großdeutschen Reichs und hält nichts von deren Uniformen. Die Geschichte endet, wie eine solche Geschichte enden muss: mit Tod und Verderben. Friedrich verliebt sich in die Falsche und muss zur Strafe an die Front, von wo er nie mehr zurückkehrt. „Und drüben in Polen fegen die Besen schwarzes Haar auf die Haufen.“ Seitdem Sarah und Friedrich verschwunden sind, hält sich Vaclav mit seiner Flinte versteckt und kämpft im Untergrund. Lieder über die Gräuel des Krieges mag man schon dutzendfach gehört haben. Was „Schwarzes Haar“ speziell macht, ist die tief menschliche Komponente des Liedes. Es ist kein Protestlied, das mit erhobenem Zeigefinger anklagt. Vielmehr zeigt es das Schicksal normaler Menschen auf, die sich zur falschen Zeit in die „Falschen“ verlieben. 

JUNI 2006  Hans Reul, Eupen

dodo hug - Bruederhärz

Stimmvolumen, Bühnenpräsenz, Authentizität, das sind die ersten Begriffe, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich an dodo hug denke. Es dürften über zehn Jahre her sein, dass sie bei einem Liederfest in Tübingen mit ihrem mehrsprachigen Programm zu begeistern wusste und für mich, und sicher nicht nur für mich, eine Entdeckung war. Wenn man ihre Vita liest, dann kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Ob als Autorin, Schauspielerin (unter anderem mit dem großartigen Christoph Marthaler) und heute vor allem als Sängerin, sie ist ein nimmermüdes Energiebündel. Seit 1994 ist dabei der sardische Gitarrist Efisio Contini ihr musikalischer Weggefährte. Zahlreiche Alben sind seither erschienen und mit Via Mala lassen die beiden uns eintauchen in die Welt der schwarzen Lieder, der detective songs und der canti di malavita.Da stehen Georg Kreisler, Wolf Biermann und Serge Gainsbourg neben Entdeckungen und Eigenschöpfungen in Berner Deutsch. Zugegeben, für einen deutschsprachigen Belgier mit rheinischen Vorfahren ist diese Sprache nicht immer gleich verständlich.

Aber es macht Spaß, dodo hug bei ihren „ethnomusikologischen“ Ermittlungen zu begleiten, denn allein schon von der musikalischen Umsetzung her, ist dies erfrischend. Selbst in der düster gräuslichen Geschichte um‘s Wildern: „Bruederhärz“. Nach einem feuchtfröhlichen Abend brechen die beiden Brüder auf zur Jagd, genauer auf die Wilderei. Aber das Ganze endet mit dem Tod eines Bruders und des Wildhüters, der sie in flagranti erwischt hatte. Der Witwe bleibt nur das tränennasse Kissen. Eine Geschichte, die sich gräuslich düster liest; aber dodo hug erzählt und singt sie auf eine so intime, liebevolle Art, dass einem warm um‘s Härz wird.

MAI 2006  Michael Laages, Berlin

Nicht-vor-den-Kindern - My Ship

Gröber, klarer, treffender hätte die zeitgenössische Variante des alten Schweizer Anti-Exilanten-Mottos „Das Boot ist voll“ kaum ausfallen können als in diesem Song. Ein fettes, feistes Kreuzfahrtschiff, voll geladen mit Touristen, Kaviar und Kultur, begegnet darin auf hoher See einer lecken Nussschale voller Untergeher aus irgendeiner vierten oder fünften Welt - und hält, natürlich, klaren Kurs, immer geradeaus: Tut uns leid, die Kajütenplätze sind belegt, kein Platz mehr, nirgends! Wir sind zwar gerne mal sturzbetroffen und beten auch zum lieben Gott, er möge bei Euch sein - aber abgeben? Teilen? Verzichten? Nichts da. Für alle reicht es nicht.

Der eigentliche Grund für die „persönliche Empfehlung“ für diesen Song kommt aber erst jetzt: Hinrich Franck zimmert diese unfrohe Botschaft auf „My Ship“, was ursprünglich eine eher melancholisch-zukunftsfrohe Erlösungs- und Musical-Melodie des „amerikanischen“ Kurt Weill war. Der nämlich hatte sein Rettungsboot schon gefunden auf der Flucht vor Deutschland, als er dies schrieb: für den Broadway. Franck und die zwischen Jazz und Rock scharf schlingernde Band mit dem kuriosen Namen Nicht vor den Kindern lassen den Nussschalenmenschen von heute weniger Aussicht auf Zukunft - was mit lieblich-altertümelndem Orgelton beginnt, treibt Weill und den neuen deutschen Text derbe ins Rockgefilde; und erst dem Pharisäer-Psalm zum bösen Ende ist wieder Frieden gegeben.

Klasse gemacht ist das; wie übrigens die ganze CD mit deutschen Texten zu Jazz-Standards - und darum ist „My Ship“ meine „persönliche Empfehlung“ im Mai. 

APR 2006  Michael Kleff, Bonn

Torsten Riemann - Wenn im Dunkel kalter Zeiten

Konstantin Wecker hat Torsten Riemann bescheinigt: „Ich war sehr angenehm überrascht über deine Kraft, deine gute Ausstrahlung, deine Musikalität, deinen Witz und deine Fähigkeit, mit deinen Zuhörern zu kommunizieren!“ Eine Einschätzung, die schnell nachzuvollziehen ist beim Hören seiner Lieder. Im Februar beging der 42 Jahre alte Musiker sein 20-jähriges Bühnenjubiläum in der Berliner Wabe bei der Vorstellung seiner neuen CD. Darauf findet sich auch der Titel „Wenn im Dunkel kalter Zeiten“, ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass es noch möglich ist, „im Dunkel kalter Zeiten“ Lieder zu schreiben, die Mut machen. Und wir leben in dunklen Zeiten. Da sind der Krieg im Irak, Umweltkatastrophen, Geld- und Machtgier, die zunehmend das Miteinander der Menschen bestimmen. Hinzu kommen persönliche Schicksale wie Krankheit und Tod, die unser Leben dunkel und kalt erscheinen lassen. Riemanns Antwort heißt „Liebe“.

Ganz unpathetisch und doch eindringlich fordert er dazu auf, den Menschen, der neben dir zu vergehen droht, zu halten und vom eigenen Licht abzugeben, denn es ist nie zu spät. Nur Liebe und Zärtlichkeit können Einsamkeit im Herzen heilen. „Leben“ bedeutet für Torsten Riemann „Geben“ und „Teilen“, nicht „Nehmen“. Botschaften, die der Liedermacher und Chansonnier, sich selbst an der Gitarre begleitend, mit kraftvoller Stimme verkündet. Das Lied ist eine Liebeserklärung an das Leben, die einfach nur gut tut.

FEB 2006  Eva Kiltz, Berlin

Sissi Perlinger - Fliesen

Sissi Perlinger begegnet mir nun schon einige Jahre immer wieder zufällig in Fernsehen, Radio, Buch und nun auch einmal mehr auf CD. Und immer wieder bin ich überrascht, wie treffend genau sie als Mensch und Künstlerin das Dilemma der modernen Frau trifft: wie kann man gleichzeitig weiblich sein und Stärke zeigen, wie verbindet man Spontaneität mit Eleganz, wie persönliche Freiheit mit beruflichen Anforderungen? All das drückt sie aus und das zum Glück ohne Lila Anstrich, sondern mit Charme und Augenzwinkern. Großen Spaß bereitet mir die Leichtigkeit, mit der Frau Perlinger die Musikstile wechselt: mal äfft sie die faden Songs des Mainstream nach („Schwein“), mal greift sie in die Weltmusikkiste („Die Schlange“), mal blitzt eine Erinnerung an den Schlager der 1950er Jahre auf („Ich bin wie "ne Gitarre“.

Wer in das Album hineinhören möchte, sollte das Stück „Fliesen“ wählen und sich gemeinsam mit Sissilinchen, wie sie im Booklet grüßt, und Co-Autor Herrn Scheibe an die verliebt-verzweifelten Tage erinnern, die jede/r durchmacht, der nach einer großen oder auch nur kleinen Liebe fürs erste alleine zurückbleibt. Bei Sissy Perlinger allerdings gibt es neben dem Katzenjammer immer auch schon einen optimistisch-humorigen Ausblick auf die Zukunft - die Dämmerung eines aufregenden und bunten Singlelebens.

MÄRZ 2006  Manfred Horak, Wien

Irmgard Knef - Schmeiß den Dreck weg

Einer Trümmerfrau kann nichts mehr erschüttern? Falsch, folgt man der Neuinterpretation von "Hit The Road Jack", jenem von Percy Mayfield komponierten Welthit für Ray Charles. In unwiderstehlicher Weise windet sich Irmgard Knef in die Wohnung von Clara Leander und findet dort, im Nachlass, nur allzu abenteuerliches vor. Ulrich Michael Heissig, in der Rolle der fiktiven Hildegard Knef-Schwester, listet unspektakulär locker-lässig groovend das Inventar auf (von "Kastelruther Spatzen Plattenedition" bis hin zu Pokemons für Senioren neben etlichen Jahrgängen vom "Goldenen Blatt" und dergleichen), das logischerweise zum Resümee "Schmeiß den Dreck weg" führt, mehr noch, führen muss. Heissig begibt sich dabei perfekt in die Rolle einer Scheinwelt, stürzt famos in das soulige Musikabenteuer, ortet den Krempel und lotet so nebenbei das Seelenleben einer ganzen von Trümmern geprägten Generation aus. 

JAN 2006  Mike Kamp, Bad Honnef

Funny van Dannen - Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet

Kennen wir das nicht alle? Naja, zumindest jene unter uns, die ach so gerne politisch korrekt wären, sich aber immer wieder in den Fallstricken der komplizierten Wirklichkeit verheddern. Da schließe ich mich auch gar nicht aus. Ich meine z. B. Menschen, die sich mit dem Urlaubsflug nach Südamerika schwer tun, weil das Flugzeug bekanntlich eine umweltbelastende Dreckschleuder allerersten Ranges ist. Und wer beschäftigt dann die ganzen arbeitslosen Stewardessen? Oder z. B. Menschen, die die hübschen und preiswerten Hemden in der Kaffeefiliale eigentlich nicht kaufen wollen, weil sie wahrscheinlich von einer übelst ausgebeuteten Frau in einem asiatischen Sweatshop produziert wurden. Moralisch verwerflich ist das.

Aber kauft man die Hemden deshalb nicht, dann kann man gleich bei Funny van Dannen einstimmen: "Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet". Kein Hemdenkauf, kein Sweatshop, überhaupt keine Arbeit für die Frauen - so widersprüchlich ist das. Nur bei Funny van Dannen klingt immer alles ganz einfach und entwaffnend. Nicht etwa, dass der Herr irgendwelche Lösungen bereit hielte, doch mit van Dannen fühlt man sich mit seinen Gewissensbissen nicht mehr so alleine. "Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet"? Mag ja sein, aber Funny van Dannen auch! 

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