Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

SEPT 2019 

Torsten Riemann - Doch es gibt sie immer noch

Als ich vor sechs Jahren Torsten Riemann schon einmal persönlich empfohlen habe, war ich froh, dass ich mit der persönlichen Empfehlung „Album“ an der Reihe war; mich also – wie ich damals schrieb – „nicht auf ein Lied beschränken bzw. festlegen muss“. Dieses Mal ist das genau andersrum. Ich bin froh, dass ich mit der persönlichen Empfehlung „Lied“ dran bin. Denn von seiner aktuellen CD  „Doch es gibt sie immer noch“ sticht für mich genau e i n  Song heraus: der Titelsong.

Der gebürtige Ost-Berliner Riemann steht seit fast 40 Jahren – ca. die Hälfte davon auch im Ausland - auf Bühnen; seine Lieder sind ganz klar beeinflusst vom (West-) Berliner Klaus Hoffmann und von Jacques Brel. Letzterer taucht gar namentlich im hier empfohlenen Song auf und gibt – neben van Gogh, Ravel, Beethoven und Heine – Hoffnung.

Zwar mag alles Mögliche sein – z.B., dass wir nicht mehr zu retten sind, uns in Selbstmitleid verlieren oder der Himmel in Ketten liegt – aber: Es gibt sie immer noch: die Gemälde, den Bolero, die Lieder und die 9. Sinfonie oben genannter Herren. Und darüber ist deren „Verehrer“ Torsten Riemann – von Refrain zu Refrain unüberhörbarer – froh.

Die – von Riemann beschriebenen und angesichts der Weltlage – eher kleinen  „Unbilden“ unserer Zeit, die uns ach so sehr beschäftigen, mit diesen großen Meistern zu „konterkarieren“ – diese „einfach“ Idee ist es, die mich im empfohlenen hymnisch angelegten Song überzeugt. Und: Er ist ein Ohrwurm - hören Sie selbst 😉!


Weitere Informationen:
www.torstenriemann.de
https://songcoaching.de

AUG 2019 

Max Prosa - Brüder und Schwestern

»Ihr seid die, die meine Musik hört. Also möchte ich ein Album für euch machen, auf meine eigene Art und frei von Kompromissen. So habe ich angefangen dieses Album selbst zu produzieren, genau wie meine ersten beiden Alben »Die Phantasie wird siegen« und »Rangoon« auch.« Denn mit der Galeere eines Major-Labels konnte sich der Berliner Singer-Songwriter Max Prosa nicht so recht anfreunden und kehrte daher aus dem vermeintlich sicheren Hafen wieder zurück. Seine Fans, die seine neue Platte »Mit anderen Augen« über Crowdfunding ermöglicht haben, werden es nicht bereuen. Herausgekommen sind 14 Lieder über Sehnsüchte, Naturkräfte und Widersprüche dieser Welt, instrumentiert mit Band.

Von diesen ist mein Favorit der letzte Song »Brüder und Schwestern«, denn der Titel hält, was er mir verspricht. »Ich heb" mein Glas auf die Vielen, deren Namen keiner kennt. Die im Hintergrund wirken, deren Licht immer brennt. Auf ihre Hände, die sich an die Knoten trauen und sie nicht mit dem Schwert in Stücke hauen«, beginnt er das Stück. Noch eher leise, begleitet von Gitarre und Bass. Schon leicht schief, unkonventionell, nicht sehr gefällig. Das Lied nimmt Fahrt auf, Prosa schreit sein Lied heraus, voller Inbrunst. Schlagzeug und Klavier kommen dazu und geben ihm Rückendeckung. »Brüder und Schwestern, ich glaub" daran, dass unser Licht die Welt verändern kann. Götter und Helden gibt es nicht mehr, es sind jetzt nur noch wir«, schreit Prosa den Refrain mit einem Hall wie aus einem Megafon.

»Brüder und Schwestern« scheint mir die passende Musik zu sein für die Tausenden Schülerinnen und Schüler, die jeden Freitag unter Bannern wie »Burn capitalism, not coal« für eine bessere Welt auf die Straße gehen. Ja, sein Song hat das Zeug zum so notwendigen Protestlied von heute. Und Vergleiche zu Bob Dylan, John Lennon oder Mick Jagger liegen wegen Stimme, Thema oder Gestik nahe. Aber damit würde man ihm und letzteren nicht gerecht werden, denn da fehlt es Max Prosa insgesamt (noch) an Reife und Erfahrung. Zum anderen hat er mit seinen 30 Jahren einen eigenen, unverwechselbaren Stil – und das Potential, zu einem ganz großen deutschsprachigen Singer-Songwriter zu werden. »Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun«, heißt es in der »Internationale«. »Kein Gott wird uns retten, kein Held uns befreien, wir müssen es selber sein«, heißt es in der letzten Zeile von »Brüder und Schwestern«.


Weitere Informationen:
www.maxprosa.de

JULI 2019  Wolfgang Rumpf, Bremen

Maria Schüritz - Durchs Zugfensterglas

Einiges hat Liedermacherin Maria Schüritz aus Leipzig, Jahrgang 1985, auf ihrem zweiten Album, das sie über Crundfunding finanzierte, buchstäblich auf den Kopf gestellt: Auf dem Cover stehen ihre Haare zu Berge, innen zeigt sich die Künstlerin inmitten eines Bücherregals mit Gitarre über sich verkehrt herum. Diese umgedrehte, verkehrte Welt schlägt sich auch im Eröffnungssong "Durchs Zugfensterglas" in origineller Art und Weise nieder, unterstützt wird sie von Keyboard, Kontrabass und Schlagzeug. Hier karikiert sie die Hektik des Alltags („Jeden Morgen zu früh und doch zu spät; verschwitzt am Bahnsteig; keine Sekunde verlebt“) zunächst mit ruhigen bluesgetränkten Akkorden, bevor der Blick durch Zugfenster Fahrt aufnimmt und in eine ganz andere musikalische Richtung weist, die mit Schüritz" früheren Funk- und Soulbands zu tun haben: Der Song swingt los, wird heiter und leichtfüßig, wechselt mit einigen Bluenotes ins Jazzige und schiebt ein neues Thema in den Fokus: Hemmungsloses Shoppen als Ausbruchsversuch und Akt der Befreiung:„Nachmittags kauft sie sich frei; kauft sich ein kleines bisschen Glück; noch mehr Sommerkleider, Glasvasen, Pop-Musik.“

Der Blick aus dem Zugfenster bietet neben der Suche nach „einem kleinen bisschen Glück“ (ein Zitat aus dem Werner Heymann-Song "Irgendwo auf der Welt" 1932, gesungen von der bezaubernden Lilian Harwey und den Comedian Harmonists) auch Erholung fürs Auge – garniert wiederum mit spielerisch verdrehten Metaphern: „Das Feld schaut ganz freundlich, ein Fahrrad flüstert heimlich; ein Dorfbahnhof lädt sie ein; Ein Trampelpfad fragt nach dem Weg“.

Maria Schüritz" schräge Blicke durchs Zugfenster fallen musikalisch originell und textlich irgendwie verdreht aus, die Band untermalt den Trip mit griffiger Begleitung. Schon der Eröffnungssong zwischen deutschem Songwriting und Jazz macht neugierig auf die dreizehn weiteren Songs des Albums.


Weitere Informationen:
www.maria-schueritz.de

JUNI 2019  Michael Lohse, Köln

Schorsch Hampel & Dr. Will - wardn hoid

Warten gehört zum Leben. Manchmal lohnt es sich, manchmal wartet man umsonst. Das Warten auf das neue Album von Schorsch Hampel hat sich in jedem Fall gelohnt. Viele Songs darauf könnte ich empfehlen: retrospektive Nummern wie „Schee wars“ oder „zruckgschaut“, wo das Münchner Blues-Urgestein streiflichtartig Stationen seiner privaten und politischen Biografie Revue passieren lässt, und natürlich den Titelsong mit seinem illusionslosen Blick in die Zukunft, in der nichts wartet außer dem ewigen „Hoamwehblues“. Kein Lied aber hat mich auf Anhieb so berührt wie „Wardn hoid“, eine klassische Liedermacherballade, eben über das Warten in diversen Alltagssituationen. Nur scheinbar ein harmloses Thema, denn der Sänger erkrankte während der Aufnahmen schwer und Zeit wurde plötzlich kostbar. Man kann nur staunen mit welch lakonischer Lässigkeit Hampel in dieser Situation über sein Leben sinniert. Auch in der persönlichen Krise lässt er sich seinen trockenen Humor nicht nehmen. Seine warme Bassstimme und die Banjo-Begleitung mit ihren wohligen Harmonien stehen im bewussten Kontrast zum Inhalt. Das Motiv der Kälte zieht sich durch den Text: Die Füße sind kalt, kalter Schweiß steht auf der Stirn und sogar das Herz ist kalt. Die Situationen des Wartens steigern sich vom Harmlosen zum Existentiellen: Es beginnt mit dem Bekannten, der mal wieder nicht zur verabredeten Zeit auftaucht. Man muss warten, bis das Teewasser endlich kocht. Der Doktor verabschiedet einen mit einem floskelhaften „wird schon werden“. Bis hin zum letzten Wartezimmer: „Irgendwann wirst aufbahrt und bis "s nei geht in di gruabn, muaßt no wardn hoid.“

Die Diagnose einer schweren Krankheit verändert den Blick auf Zeit fundamental, und an jedes banale Warten im Alltag knüpft sich die bange Frage: Wie lange hast Du noch? Die Musik mit ihrem gezupften Wechselbass hat etwas von einer Spieluhr, die unerbittlich tickt. Doch Schorsch Hampel gelingt das Kunststück, das sein Song bei aller Melancholie eine Leichtigkeit bewahrt. Kein Pathos des Abschieds, stattdessen ein einfacher Marsch, fast ein Kinderlied. Und noch bei den resignativsten Feststellungen schwingt das verschmitzte Lächeln mit von einem, der gelebt, geliebt und geträumt hat. Die Grube kann noch warten: Trotzig bläst Schorsch Hampel am Schluss eine bluesige Melodie auf dem Kamm und lässt sein schönes Lachen hören – ein anarchischer Bayer wie er lässt sich doch von Gevatter Hein nicht die Lust am Schabernack vermiesen.


Weitere Informationen:
www.schorsch-hampel.de

MAI 2019  Hans Reul, Eupen

Christina Lux feat. Oliver George - Was zählt für Dich

Das erste was auffällt, das ist diese soulig-groovige Grundstimmung, musikalisch auf den Punkt, mit sinnlich ausdrucksstarker Stimme interpretiert. Und dann der Text, fast schon ein bisschen beiläufig schleicht er sich an und wird immer präsenter, eindringlicher. Man hört hin!

Christina Lux ist spätestens seit ihrem Album „Leise Bilder“, das mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik (3–2018) ausgezeichnet wurde, eine feste Größe in der deutschsprachigen Musikszene. Zu Beginn ihrer Karriere sang sie in englischer Sprache, was auch jetzt noch ab und zu der Fall ist, aber dann entdeckte sie, dass sie eben nicht nur eine Stimme hat, sondern auch eine Aussage: „Was zählt für dich“ ist dafür ein beredter Beleg.

„Was zählt für dich“, eine Frage, die mehr als erlaubt ist. Dir ist das Glück doch förmlich in den Schoß gefallen, andere leben in Ländern, die sie weder ernähren geschweige denn schützen können. Manchmal fragt man sich, muss man das immer noch besingen? Haben das nicht mittlerweile alle mitbekommen, dass es nicht eine Welt gibt? Sehen wir nicht, was in Syrien, im Jemen oder in allzu viele afrikanischen Staaten passiert? Nein! Viele wollen es immer noch nicht sehen, oder wenn, dann schauen sie schnell weg. Wir haben doch unsere eigenen Probleme. Sicher, das stimmt. Aber sind dies nicht meist Luxusprobleme im Vergleich zu jenen der Kinder und auch Erwachsenen in den genannten Ländern?

Christina Lux schafft mit „Was zählt für dich“ das kleine feine Kunststück einer Symbiose zwischen engagierter Aussage und musikalisch toll gestaltetem Song. Bitte mehr davon!


Weitere Informationen:
www.christinalux.de

APR 2019  Nikola Pfarr, Berlin

Die Türen - Ich bin eine Krise

Mit wenigen Worten viel sagen können nicht viele, Die Türen schon.

Keine Zeit, keine Liebe, kein Glück – mit dieser nüchternen Aufzählung beginnt das Lied Ich bin eine Krise der Berliner Band Die Türen. Lediglich um die Variable „kein Geld“ und die titelgebende Parole „Ich bin eine Krise“ erweitert, war es das schon an der Textfront. Immerfort wiederholt gesprochen und nur selten gesungen verbindet sich der Text in Kombination mit der Musik zu einer genialen Collage der Tristesse und wird fast zu einem minimalistischen Mantra. Und wie es sich für eine echte Krise gehört, ist die musikalische Grundlage ein Blues. Der lässig-entspannte Cha-Cha-Rhythmus steht dabei höchstens beim ersten Hören im krassen Gegensatz zum wenig optimistischen Text.

Gute Musik verlangt den Hörer*innen auch mal Arbeit ab, so auch hier. Anders als bei Kollegen wie zum Beispiel dem Bandkollektiv Arbeitsgruppe Zukunft, das als musikgewordenes Demoplakat seine Gesellschaftskritik unverhohlen nach außen trägt und wortreich illustriert, muss man sich bei Ich bin eine Krise die tiefe Bedeutung selbst suchen. Das Stück ist textlich denkbar asketisch gestaltet, aber gerade durch die vermeintliche Einfachheit trifft der Text den Kern. Gedanken, die sich im Kreis drehen und Missstände, die sich auf diverse Lebensbereiche erstrecken, sind schließlich klassische Krisensymptome.

Musikalisch lässt sich die Gruppe um Sänger und Labelchef Maurice Summen schwer festnageln und wandelt zwischen Punk, Krautrock, Industrial, Techno und Psychedelic Rock, was immer wieder überrascht und nie langweilt.

Die Türen, deren erstes Album zur Gründung des Labels Staatsakt geführt hat, haben im Januar ihr langersehntes fünftes Album mit dem Titel »Exoterik« veröffentlicht, mit dem die Band in 19 Stücken den Hörer*innen ein opulentes Großwerk präsentiert. Neben Ich bin eine Krise finden sich dort auch Titel wie Welthundetag oder Miete, Strom, Gas – beim Hören wird deutlich, dass das Album mehr als die Summe seiner an sich schon sehr guten Teile ist. In seiner Gesamtheit ist »Exoterik« ein kluges und musikalisch anspruchsvolles Album, das der perfekte Soundtrack für diejenigen ist, die zwischen den Herausforderungen und den Absurditäten des postmodernen Lebens navigieren müssen.


Weitere Informationen:
www.dietueren.de

MÄRZ 2019  Thekla Jahn, Mechernich

Keimzeit - Geht schief

Die Unvernunft scheint sich auf der Weltbühne Bahn zu brechen. Gefährliche Brandherde nehmen zu und lassen für die Zukunft nichts Gutes erahnen. Aufrüstung ist nicht nur verbal das Gebot der Unvernünftigen. Kopfschüttelnd stehen wir vor den politischen Entwicklungen, die bis in unseren Alltag wirken. Die ewige Warum-Frage drängt sich auf, doch wir kommen beim Nachdenken nur weiter, wenn wir uns nicht ausnehmen und bereit sind in den Spiegel zu schauen. Geht schief ist ein Lied der brandenburgischen Band Keimzeit, bei dem es um die kleinen wie großen Katastrophen geht. Norbert Leisegang, Sänger und Songschreiber der seit 1982 bestehenden Band hat auf die Frage nach den Gründen eine ebenso einfache wie einleuchtende Antwort: „Wir hören nur das, was wir hören wollen und sehen nur das, was wir sehen wollen und dann geht das, was wir tun in der Regel schief.“ In Zeiten, in denen wir uns immer häufiger in sozialen und medialen Filterblasen und Echokammern bewegen, wirkt es manchmal so als würden Ignoranz, Selbstüberschätzung, Eitelkeit und dererlei Eigenschaften zunehmen. Aber bei Keimzeit gibt es Hoffnung, das Wesen des Menschen ist anders angelegt: „Augen suchen ständig andere Augen und das Ohr will keine Lügen hören.“

Geht schief ist ein Song mit Tiefgang, aber er kommt ziemlich lässig um die Ecke, als eingängiger Reggae, bei dem man sich gleich mitbewegen möchte. Ursprünglich wollte Keimzeit den Liedtext in ein Country-Western-Gewand kleiden. Ein Schelm, wer da Bezüge zu Entwicklungen in und aus den USA herstellen wollte. Doch da gab es Einspruch und zwar vom Produzenten. Keimzeit hat ihr neues, zwölftes Studioalbum »Das Schloss« von Moses Schneider produzieren lassen. Moses Schneider, der schon mit Beatsteaks oder Tocotronic zusammengearbeitet hat, empfahl einen Reggae und das hat dem Stück gutgetan. Es hat fast Ohrwurmqualitäten, was für einen nachdenklich machenden Text ja nicht das schlechteste ist. Sehr schön – und das gilt nicht nur für Geht schief, sondern das gesamte Keimzeit-Album - ist der am Live-Sound der Band orientierte Klang der Songs. Die Brüder Norbert und Hartmut Leisegang (Bass), Schlagzeuger Lin Dittmann und Keyboarder Andreas Sperling sowie Martin Weigel an der Gitarre und Sebastian Piskorz an der Trompete haben 12 anspruchsvolle Stücke parat, mal sind sie lakonisch, mal witzig, mal melancholisch und in jedem Fall originell umgesetzt, weshalb ich - an dieser Stelle angekommen – es richtig schade finde, dass ich nur ein Lied des Monats empfehlen soll, denn auf dem Album »Das Schloss« sind gleich mehrere empfehlenswert.


Weitere Informationen:
www.keimzeit.de

FEB 2019  Ingo Nordhofen, Witten

Kalle Johannsen - Mein Name ist Hosanna

Die vielleicht wichtigste Lehre meines Lebens bekam ich schon seit frühester Kindheit in den Fünfzigerjahren vermittelt. Es ging um Mitgefühl, und der Satz, den ich oft hörte, war: „Stell Dir mal vor, wie es Dir gehen würde, wenn einer Dir tut, was Du gerade dem XY getan hast. Wie würdest Du Dich dann fühlen?“ Das war nichts anderes als „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu!“ Das war zu jener Zeit noch viel mehr ein beachtetes Wort als heute. Aber dies war viel persönlicher, betraf direkt mich und mein Gefühl – und meine Verantwortung. In solchen Situationen wurde mir viel eher klar, was ich angerichtet hatte, als wenn ich eine Ohrfeige bekommen hätte.

Was hat das mit der Liedempfehlung zu tun, die ich heute gebe?

Nun, das Lied »Mein Name ist Hosanna« von dem nordfriesischen Liedermacher und Dragseth-Trio-Mitbegründer Kalle Johannsen, der 2018 sein vierzigjähriges Bühnenjubiläum feiern konnte, hat mich sofort daran erinnert. Johannsen hat darin Aussagen von Flüchtlingskindern verarbeitet. Diese hatte ein ihm nahestehender Mensch in einer Flüchtlingseinrichtung in der Adventszeit 2016 gehört, als mit den Kindern die christliche Weihnachtsgeschichte besprochen wurde, die ja auch eine Geschichte von Flucht und Asyl ist. Einige der Kinder erzählten daraufhin von ihrer eigenen Flucht, und es finden sich erschütternde Äußerungen darunter.

Hosanna berichtet von dem langen Weg, den sie mit ihrem Onkel nehmen musste, zunächst in einem Camp wartend, dann, auf ein für die vielen Passagiere viel zu kleines Schiff gedrängt, über das „große, graue Meer“. Der Onkel hält ihre Hand und sucht mit der anderen im Wasser vergeblich nach Achmed. Sie werden von einem größeren Schiff aufgenommen. Hosanna erinnert sich an das Lächeln eines der Helfer, schöpft Mut daraus. Aber immer wieder (auf Arabisch und Deutsch) die Frage, wo die Mutter ist, wann sie kommt, sie vermisst sie sehr.

Nach langem Warten geht es über mehrere Stationen weiter, zu Fuß, mit dem Schiff und der Eisenbahn. Der Onkel bindet sie nachts an sich, um sie nicht zu verlieren, und schneidet ihre langen Haare ab. Erst als nebenan Fatima verschwindet, versteht sie warum …

Nun also hier an diesem fremden Ort. Sie kann nichts erzählen, versteht nur ein paar Brocken Deutsch, aber sie ist zuversichtlich, dass sie lernen wird, uns zu verstehen – und dann werden vielleicht auch wir verstehen, wenn sie erzählt …

Das geht in seiner Direktheit sehr unter die Haut, und das ist ein großes Verdienst des Autors, denn er schreibt sachlich und klar, berichtet schnörkellos, verzichtet auf jeden reißerischen Unterton, hebt nie den Zeigefinger. Dazu singt er neben Deutsch auch Arabisch, was es den Kindern sicher ermöglicht, das Lied wirklich zu verstehen. Begleitet bzw. äußerst einfühlsam unterstützt wird Johannsen von Jens Kommnick und dem jungen Saxofonisten und Gitarristen Christoph Hansen, von dem man hoffentlich noch vieles hören wird. Auf weiteren Stücken der CD »Ströntistel« spielen zudem Andreas Johannsen die Konzertgitarre und Martin Leeb die Oboe. Und allesamt sind sie hervorragende Musiker!

Von jeder CD geht 1 € an das Friedendorf International. Ich wünsche dem Lied »Mein Name ist Hosanna« viele, viele aufmerksame Hörer und hoffe, dass die CD sich massenhaft verkauft – es lohnt sich!

Nachsatz: Im Gespräch mit Kalle Johannsen erzählte dieser, dass Hosannas Mutter nach fast zwei Jahren tatsächlich in Deutschland angekommen ist und wieder mit der Tochter vereint ist. Und Hosanna hat wieder schöne, lange Haare.


Weitere Informationen:
www.atelier-knortz.de

JAN 2019  Dieter Kindl, Kassel

Andy F - Morbus Google

„Digitale Technologien können uns helfen, die Herausforderungen, vor denen fast alle Gesundheitssysteme der westlichen Welt stehen – immer mehr ältere und chronisch kranke Menschen sind zu behandeln, teure medizinische Innovationen zu bezahlen, strukturschwache ländliche Gebiete medizinisch zu versorgen – besser zu lösen. Sie ermöglichen eine bessere und effizientere Versorgung und einen breiteren Zugang zu medizinischer Expertise insbesondere auch in ländlichen Regionen. Auch neue Formen einer besseren Betreuung der Patienten im häuslichen Umfeld können realisiert werden.“ (Quelle: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/e-health-initiative.html)

Digitale Technologien können helfen - müssen es aber nicht. Manchmal ist auch das Gegenteil der Fall. Davon berichtet der Zürcher Liedermacher Andy F. im Titelstück seines zweiten Albums »Morbus Google«, in dem er das Schicksal eines bislang gesunden 30-Jährigen schildert, der aber nun eine Unregelmäßgkeit bei sich festgestellt hat und - wie so viele - Rat im Internet sucht.


So hät er afange google, Hals und Nase und Symptom
Und erschine, will sichs greimt hät, isch au na es Karzinom
Und d’Pigment uf siner Huut wi uf me Bildli zimli gross
D’Diagnose ufem Netz - zimli hoffnigslos

Er hät Aidschräbs, und das gar tödlich
Und d’Symptom wiised uf Morbus Google hi
Er hät Aidschräbs, die letal verlaufend Form
Wie chönts im Internet au andersch si


Mich errinnert das Ganze an Molières eingebildeten Kranken. Früher gab es nur wenige Hypochonder, die die Ärzteschaft auf Trab gehalten haben. Dank der leichten Verfügbarkeit von Informationen im Netz ist die Zahl der vermeintlich Kranken inzwischen explosionsartig gestiegen. Vor allem, weil die Informationen meist fehlinterpretiert werden.

Daher rate ich in solchen Fällen den Arzt zu konsultieren. Und für die Wartezeit im Sprechzimmer empfehle ich das Album von Andy F.


Weitere Informationen:
www.andyf.ch

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