Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

FEB 2023  Dieter Kindl, Kassel

Wolfgang Buck - Hä?

Bsuffne Männer lassn siech vo ihre nachdblindn Frauen hamfohrn; Der Ding & sei Woä; Viednam is vull; Iech wär dann do; Ned su schnell; Kummdmernaham; Ned schborn; Wenn af amol die Leem; Verdrauen; Schaunernoo; Wer do foddfährd; Hilfd nix; Der Kabljau; Hä?

So lautet die Titelliste von Wolfgang Bucks inzwischen 13. Album. "Visäwie" hat er es genannt. Es ist ein Rückblick auf die vereinsamende Coronazeit und auf die Menschen, denen man lange Zeit nicht begegnen konnte. Der fränkische Liedermacher singt von Weltreisenden, Daheingeliebenen, Großzügigen, Geizhälsen, Liebe, Vertrauen. Musikalisch ist einiges vertraut, Wolfgang geht auf diesem Album neue Wege. Wie zum Beispiel das Lied, das ich empfehlen will.

"Hä?", das letzte Stück auf diesem Album, strotzt nur so vor Wortakrobatik und kommt musikalisch ganz entspannt daher. Das Gegenteil ist aber der Fall. Dahinter versteckt sich nämlich ein kleiner "Fränggisch"-Sprachkurs. Buck klärt detailliert über die Eigenheiten der fränkischen Mundart auf. Für ihn sind diese regionalen Spracheigenheiten selbstverständlich und kann deshalb nicht glauben, dass andere ihn nicht verstehen:

wu kummsdn na du her
dass du des ned verschdehsd


wo kommst du denn her
dass du das nicht verstehst

Wer Wolfgang Buck nach dieser Nummer immer noch nicht verstehen kann, ist selbst schuld! Die Songs auf diesem Album sind es jedenfalls wert, sich in diesen wunderbaren Dialekt einzuhören.

Mehr Informationen:
https://wolfgang-buck.de

JAN 2023  Fredi Hallauer, Bern

Fräulein Luise - Eusi Stadt

Fräulein Luise ist eine junge Band. Die zwei Frauen und zwei Männer sind um die 20 Jahre alt,
teils darunter. Wieso das erwähnenswert ist? Wer den Text von diesem Lied hört glaubt kaum an
das fast jugendliche Alter der Band oder man erschrickt ab dieser Reife und ab diesem Text.
Schon der Refrain:

"Süchtig wäg de Einsamkeit, und einsam wäg de Sucht, es seg en verdammte Tüfelschreis, wod
nieme usechunsch. Süchtig wegen der Einsamkeit und einsam wegen der Sucht, es ist ein
verdammter Teufelskreis wo du niemals mehr hinauskommst."

Ich glaube Sucht kann nicht treffender beschrieben werden. In dem Lied wird von einer Stadt
erzählt, es ist klar, dass es Zürich ist, könnte aber manche andere Stadt in Westeuropa sein, in
der Strassenmusik lizenzpflichtig ist (auch in Bern so), Status mehr Wert hat als Glück, Euphorie
ein Fremdwort ist und jeder sein Leiden unterdrückt. In so einer Stadt hat eine Süchtige in einer
öffentlichen WC-Anlage bei den Frauen diesen Refrain Satz an die Wand geschrieben und hofft,
dass es jemand liest, wie es in dem Lied heisst. Es werden weitere negative Punkte dieser Stadt
die über dem Strich lebt und alles darunter, fallen lässt, aufgezählt. Dann kommt die Erkenntnis
der Dichterin, welche wahrscheinlich auch die Erkenntnis vieler von uns ist:

"I dere Stadt wo alles sin Platz hät, Und woni wohlbehüetet uf bin cho, I dere Stadt wo kei
Problem hät, Oder mindestens weissi nüt devo. In dieser Stadt wo alles seinen Platz hat und wo
ich wohlbehütet aufgewachsen bin, in dieser Stadt die keine Probleme hat, oder mindestens
weiss ich nichts davon."

Das Lied findet auch einen Schluss, die Dichterin liest den Satz in der WC-Anlage, versucht die
Süchtige zu verstehen, fühlt sich kurz schuldig und verlässt dann die Räumlichkeiten.

Die Musik zu diesem unter die Haut gehenden Text ist lockerer Liedermacher Pop oder IndiePop,
im Vordergrund ist die Sängerin, welche mit Harmoniegesang von ihren Kolleg*innen unterstützt
wird. Ein starkes, gut getextetes und komponiertes Lied.

Weitere Informationen: fraeulein.luisee[at]gmail.com

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