Der Mann, der eine Idee mit Folgen hatte – Thomas Vogel gestorben

23. 11. 2017

Der Mann, der eine Idee mit Folgen hatte – Thomas Vogel gestorben

Völlig überraschend starb Thomas Vogel am 20. Oktober. Der Name des studierten Theologen, Romanisten und Philosophen ist untrennbar mit der Geschichte der Liederbestenliste verbunden. Schon früh hatte er Interesse am „Lied“. Das war es auch, das Thomas Vogel, der in Heidelberg auch Kunstgeschichte studiert hatte, mit einer Arbeit über das Französische Chanson der Gegenwart promovieren ließ. 1983 hatte der SWR-Redakteur dann eine Idee: Er wollte eine Hitparade für das deutschsprachige Lied ins Leben rufen – abseits der Zwänge des Marktes. Das war die Geburtsstunde der Liederbestenliste, der Thomas Vogel bis Ende 2003 als Juror angehörte. Vor 32 Jahren wurde dann der erste Liederpreis an Wolf Biermann vergeben. „Der Deserteur“ bekam 1984 die meisten Stimmen der Jury.

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums äußerte sich Thomas Vogel 2009 gegenüber dem Folker zur Situation des deutschsprachigen Liedes und zur Rolle der Liederbestenliste.

Was war der Anlass für die Gründung der Liederbestenliste vor 25 Jahren?

Es gab Anfang der Achtzigerjahre eine wunderbare, vielversprechende deutsche Liedermacherszene, allein: Sie hatte in den öffentlich-rechtlichen Medien keine Fürsprecher, fand dort kein Gehör, fiel bei den vorgestrigen „Kästchendenkern“ zwischen E und U zwischendurch. Also wollte ich – als frischgebackener Redakteur mit Liedermachervergangenheit – dieser Gattung, die es ja in Deutschland durchaus schon einmal gegeben hat, dann aber durch die Nazizeit fast gänzlich zerstört wurde, einen eigenen Programmplatz geben.

Wie würden Sie rückblickend den Zustand der deutschsprachigen Musikszene beschreiben – in Bezug auf Texte, Musik und Kreativität?

Da war plötzlich eine wunderbar kreative Musikszene entstanden, die sich aus verschiedenen Quellen bediente. Eine Liederwelt, die sich aus ehemaligen Burg-Waldeck-Barden, Deutschrockern, Literaten und Neue-deutsche-Welle-Adepten zusammensetzte. Von preußisch-Brecht’scher Strenge über französische Eleganz bis hin zu kölscher oder schwäbischer Mundart und Wiener Schmäh war alles vertreten.

Welche Rolle hat die Liederbestenliste für die weitere Entwicklung dieser Szene gespielt?

Schwer zu sagen. Ich denke, dass es den jeweiligen Künstlern schon geholfen hat, dass es ein bisschen öffentliche Beachtung brachte. But it’s a long road …

Warum hat die Liederbestenliste nie den Status der SWR-Literaturbestenliste erreichen können?

Was ich schon über die Radios sagte: Auch das deutsche Besserwessi-Feuilleton mit seiner näselnden Arroganz hatte Probleme mit der Einordnung: „Isses nu Literatur oder Musik oder was? Weder Fisch noch Fleisch, also kein Bedarf.“

In einem Informationsfaltblatt des SWF bzw. SWR hieß es vor einigen Jahren: „Die Liederbestenliste bietet jenen deutschsprachigen Musiktiteln eine Plattform, die es innerhalb eines nur auf Unterhaltung, Kommerz und Massengeschmack orientierten Musikmarktes schwer haben, wahrgenommen zu werden.“ Diese Aussage beinhaltet ja indirekt auch eine Kritik an den Medien. Hat sich die Wahrnehmung der deutschsprachigen Szene Ihrer Meinung nach hier verbessert oder verschlechtert?

Insgesamt hat sie sich verbessert. Dennoch: Die Kritik an den Medien ist berechtigt, zielt aber zu kurz. Es ist auch ein Versagen der Politik, die mit ihrer föderalistischen Zersplitterung zu keiner gesamtdeutschen Kulturpolitik findet. Aber: Auch wenn diese Musik immer noch nicht zum Mainstreamrepertoire der Radios gehört, so werden deutschsprachige Musiker mit ihren Konzerten doch heute mehr wahrgenommen als früher. Komische Welt: Nur höchst selten mal ein Titel von Reinhard Mey im Radio, wenn er aber über seinen kranken Sohn bei Beckmann im Fernsehen redet, ist das ein Thema, das die Nation bewegt. „The times they are a-changin’ …“ Und die Medien sind Gott sei Dank auch nicht das, was sie noch nie waren. Es gibt zum Glück Parallelwelten, Internet, Konzerte und Festivals.

Die heutige deutschsprachige Szene „klingt“ anders als 1984. Es scheint auch eine generationsbedingte Teilung der Szene zu geben. „Deftig rockendes ‚Liedermaching‘ statt politisches Liedermachergeflüster im Stil der Sechziger und Siebziger …“, wie es Sylvia Systermans in einem Beitrag im Folker über die Monsters of Liedermaching formulierte. Sehen Sie eine solche Polarisierung?

Polarisierung ist nicht das Wort. Die deutsche Musikszene ist insgesamt reicher und vielseitiger geworden. Die Übergänge sind fließender als je zuvor, und langsam nehmen wir Abschied vom buchhalterischen Kategorisieren. Schon vor dreißig Jahren habe ich neidvoll auf die französische Musikszene geschaut: Da treten in ein- und derselben Fernsehsendung literarische Chansonsänger neben Hip-Hoppern oder einem trällernden Püppchen auf. Das hat was. Weil der französische Normalverbraucher eben auch so ist, mal ein Glas „rouge ordinaire“, dann mal ein edler Tropfen …

Die Mitglieder der Jury sind in ihrer Mehrheit fast doppelt so alt wie die meisten Interpreten, die sie bewerten. Sehen Sie darin ein Problem? Versuche einer Verjüngung sind bislang daran gescheitert, dass keine entsprechenden an der Sache interessierten Kolleginnen und Kollegen gefunden wurden. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Vielleicht sollte man inzwischen offener sein für die gesamte deutschsprachige Musikszene, ohne dabei die Qualitätskriterien aufzugeben. Denn das Problem ist nicht neu, schon vor 25 Jahren stritt man sich, was denn nun zur Liederszene gehört und was nicht. Wo die Grenzen verlaufen, war nie eindeutig. Vielleicht sollte man da einen Schritt weiterkommen, entweder eine konsequente, sehr strickte Trennung von Liedermacherlied und dem Rest der Welt oder doch wohl besser: Die Jury wählt aus den gesamten deutschsprachigen Musikneuerscheinungen aus, da gehören dann Rockmusik und Hip-Hop ebenso dazu wie das politische oder literarische Chanson oder sogar – wenn’s denn qualitativ zu vertreten ist – auch mal ein Schlager oder sonst was.

Der Rolling Stone führt mit Bayer zum hundertsten Geburtstag von Aspirin einen Songwettbewerb durch. Die Unterhaltungselektronikfirma Atari kürt mit Universal Music den ersten „Deutschland-singt-online“-Star. Wenn Musik reduziert wird auf die Verkaufsquote, die man sich durch die Wahl seiner Partner verspricht – welche Rolle kann eine Einrichtung wie die Liederbestenliste dann überhaupt noch spielen, deren Jurymitglieder ihre Hitparade auf der Grundlage einer schlichten Frage erstellen: Welchem Lied wünsche ich möglichst viele Hörerinnen und Hörer?

Im musikalisch völlig überschwemmten und kommerzialisierten Markt soll die Liederbestenliste den Blick eben auf etwas lenken, was einem sonst vielleicht gar nicht zu Gehör gekommen wäre. Die Liederbestenliste als Spürnase und Vorkoster und verlässlicher Garant für Qualität.

Sie waren bis Ende 2003 Mitglied der Jury. Auch danach haben Sie weiter verfolgt, was sich in der deutschsprachigen Szene tut. Was beobachten Sie, oder besser gesagt, was hören Sie?

Die Liederbestenliste natürlich. Und nach wie vor querbeet. Und gezielt einzelne Lieder der letzten dreißig Jahre, die zu Klassikern geworden sind. Und ich freue mich außerdem über eine gewachsene Souveränität und Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Sprache, der Musik und dem Gesang.

Wollen Sie der Jury einen Rat für die nächsten 25 Jahre der Liederbestenliste geben?

Siehe oben. Außerdem natürlich: Unbeirrt weitermachen, nach dem Motto: „Da müssen wir durch!“ Beharrlichkeit zahlt sich allemal aus. Bin mal gespannt, wer von den heutigen Künstlern in 25 Jahren noch auf der Liste erscheint!

(Die Fragen stellte Michael Kleff)

 

Im Folker-Heft 1/2018 erscheint der folgende Nachruf auf Thomas Vogel von einem Liederbestenliste-Juror der ersten Stunde, von Tom Schroeder:

„Auf dem Innenumschlag seiner ersten, 1976 veröffentlichten LP (Lieder des Thomas Vogel) sieht man ihn auf drei Fotos jeweils im Duett mit Personen, die sein Leben und sein Werk entscheidend mitgeprägt haben: Thomas und Leonard Cohen, der Melancholiker und Minimalist; Thomas und Georges Moustaki, der politisch engagierte Poet mit dem langen Atem; Thomas und Herbert Marcuse, einer der philosophischen Väter der internationalen undogmatischen Linken, antiautoritär und/oder hedonistisch. Marcuses persönliche Widmung heißt: ‚Für Thomas Vogel, den Sänger, dessen Beruf immer wichtiger wird.‘ Je weniger Thomas Vogel selbst als Liedermacher in Erscheinung trat, desto einflussreicher wurde er als Tübinger SWF/SWR-Redakteur, als Autor, Moderator, Veranstalter – und als Erfinder der bis heute lebendigen Liederbestenliste.

Nicht erst seit seinem SWR-Finale 2008 arbeitete der emsige Dr. Vogel auch als Honorarprofessor für Rhetorik an der Tübinger Universität und als Herausgeber zahlreicher Bücher. Er schrieb sechs Romane – alle erschienen im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer. Wie sein Freund, der Verleger Hubert Klöpfer, in einer großen Trauerrede festgehalten hat, war Thomas u. a.: ein Charmeur, ein guter Gastgeber und guter Koch. Genießer, Gärtner, Intensivleser, Filmliebhaber. Dazu ein Familienmensch, ein Kümmerer, ein Sorger. Und ein mediterraner Mensch, wie der Humanist und Existentialist Albert Camus. Hubert Klöpfer wörtlich: ‚Albert Camus, der Sisyphosversteher, war einer seiner Hausheiligen – und ja, man darf sich, glaub ich, auch Thomas (wie Sisyphos) als geglückten und glücklichen Menschen vorstellen.‘

Am Schluss der Trauerfeier gab es viel Applaus – für den Redner, vor allem aber für den Verstorbenen.“