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Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
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Okt 2017
Tom Schroeder, Mainz

Oliver Scheidies featuring Michael Oertel: Groovezeit

Album: Ein Sonntag im April

Warum mir Groovezeit gefällt? Ganz kurz gesagt: Weil es da um Leben, Lieben und Tod geht, um Gott und die Welt. Und weil der Song verdammt gut abgeht. Etwas weiter ausgeholt:

In den guten alten Zeiten, als die Erde noch eine Scheibe war und Bob Dylan in Gestalt eines Reborn Christ den eifernden Missionar gab (drei Alben und viele vollgesprochene Konzerte lang), kursierten auch bei uns Musikerwitze wie der folgende. Es ging um die Frage: Wie viele Mitarbeiter braucht Bob Dylan, um eine Glühbirne einzuschrauben? Antwort: Acht! Einer schraubt die Birne rein, die anderen sieben danken dem Herrn.
Das ist jetzt fast vier Jahrzehnte her. Es wäre wohl auch längst vergessen, wenn His Bobness damals nicht so maßlos und rechthaberisch übertrieben und viele seiner Anhänger verprellt hätte. Denn die populäre Musik insgesamt wimmelt ja nur so von religiösen Bezugselementen. Ein paar Beispiele: Dylans Vorbild Woody Guthrie beschreibt Jesus Christus im gleichnamigen Song als politisch engagierten Arbeiter, den die Herrschenden immer wieder ins Grab bringen. Franz Josef Degenhardt attackiert in Gott der Pille die Sexualmoral der Katholischen Kirche.

In vielen Hits ist Bibel drin. Von Island In The Sun bis zu den Rivers Of Babylon, von Morning Has Broken bis zu Mrs. Robinson. In My Sweet Lord preist George Harrison den Herrn sicherheitshalber gleich doppelt, mit Halleluja und mit Hare Krishna.
Wer biblische Elemente im Lied verwendet, befindet sich also in illustrer Gesellschaft – wie Oliver Scheidies mit seinem Song Groovezeit. In den vier Strophen treffen wir auf gute Bekannte aus dem Alten Testament und aus dem Physikunterricht. Adam ist dabei, auch Eva, dann der Schöpfer, der Tod und Albert Einstein. Alle werden vom Sänger/Songschreiber Oliver Scheidies auch deshalb ins Spiel gebracht, damit er ein paar nette Pointen setzen kann. Einstein etwa verliert jedes Gefühl für Zeit und Raum, versucht es deshalb mit einem Strick am nächsten Baum – und scheitert relativ fröhlich und erfolgreich (eine Situation, die Scheidies liebt) frei nach dem Motto: Ich erhänge mich erst, wenn alle Stricke reißen…

Letztlich aber dienen die vier Strophen dazu, dass der Sänger immer wieder auf den Punkt kommen kann, also auf diesen Refrain: Es ist Groovezeit, komm lass uns gehen / Groovezeit, lass alles stehen / Es ist Groovezeit, bist du bereit, die Erde wird sich weiter drehen / Tanzt mit dem Mond, du wirst schon sehen / Es ist Groovezeit.

Groovezeit bedeutet hier auch: Zeit zum Tanzen. Und zum Mitsingen: Oliver Scheidies und sein Produktionsleiter Benjamin Riesterer hatten für ihre Liveaufnahmen dreißig Freunde und Freundinnen ins Studio eingeladen, die ohne lange Proben von Beginn an mit langem Atem mitgrooven. Das geht ab, fast wie einst bei den Non Stop Dancing-Partys des swingenden James Last. Zunächst hatte sich Last einen Namen als Bassspieler gemacht, genau wie später Thomas Walter Tscheschner. Der spielte u.a. in den Bands von Lydie Auvray und Pepe Lienhard und ist heute Musikredakteur beim Mainzer Radiosender SWR1. Tscheschner bezeichnet das Stück von Scheidies & Co. treffend als "Funky Groovy German Blues".

Groovezeit: 3 Harmonien, 8-taktige Strophen, 8-taktiger Refrain, Gesamtdauer 5 Minuten. In den ersten Momenten seiner 1’45 langen Gitarrenintro weiß Scheidies noch nicht genau, ob es nach Andalusien oder nach Louisiana gehen soll, also Flamenco oder Blues? Dann doch Blues, ganz nach der alten Devise The Blues Had A Baby, And They Named It Rock ‘n‘Roll. Und im Schlussapplaus nennt der Sänger es dann „Rock ‘n‘ Roll !“ Sein brillanter Begleiter Michael Oertel beweist in einem fast 2-minütigen Gitarrensolo, dass er weiß, wo der Hammer hängt (und auch der Bonamassa, der Clapton und Mark Knopfler).

Die Sängerin Anne Schaarschmidt, Lebensgefährtin des Sängers, ergänzt ihn auch musikalisch auf eine schöne, heitere, leichte und leicht melancholische Art, sie passen zusammen „wie der Boogie zum Woogie“ (Manfred Miller).

Oliver Scheidies, 1968 in Hamburg geboren und seit knapp zwei Jahrzehnten in Freiburg zuhause, hat sich in diversen Berufen versucht und bewährt – z.B. als Schauspieler, Clown, Musikkabarettist, Kästner-Interpret, Lehrer an einer Waldorf-Schule …
Seit Anfang des Jahres ist er im Hauptberuf "Songpoet und Liedermacher für alle Fälle", ein "maskuliner Bassbariton mit viel Volumen": „Immer wieder blitzen … die großen Themen des Menschseins durch, Tod und Vergehen, das Spiel der Zeit, Einsamkeit und Scheitern, Liebe und die Euphorie eines Augenblicks“ (Dorothee Philipp, Badische Zeitung, 24.04.2017).

Es verwundert denn auch nicht, dass er den möglicherweise peinlichen Augenblick, in dem er kurz seinen Text vergessen hat (natürlich in der Strophe mit Adam und Eva) nicht nachträglich aus der Live-Aufnahme rausgeschnitten hat, sondern einfach weitersingt und prächtig weitergroovt. Oliver Scheidies will es einfach wissen, wie man lernt, „immer besser fröhlich zu scheitern“. Dafür bleibt ihm noch sehr viel Zeit. Denn – das deutet sich in der letzten Groovezeit-Strophe an, das hat er mir im Telefongespräch auch gerne bestätigt – er glaubt fest an ein Weiterleben nach dem Tod.

Das soll einen Heiden wie mich nicht daran hindern, Groovezeit zu mögen und weiter zu empfehlen. Das Lied könnte vielleicht sogar einem Zweifler wie Woody Allen gefallen: „Ich glaube nicht an Reinkarnation, aber zur Sicherheit habe ich immer Ersatz-Unterwäsche dabei“. Oder auch einem Bekenner wie Ben Süverkrüp: „Ich bin Atheist. Und zwar katholischer Atheist“. Mitgrooven würde sicherlich ein Weiser wie Werner Schneider: „Ich glaube an gar nichts. Deshalb halte ich auch nichts für unmöglich“.


Weitere Informationen:
www.oliver-scheidies.de

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