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März 2018
Petra Schwarz, Berlin

Schnaps im Silbersee: Wildgänsehaut

Album: Synapsensilvester

Was ist eigentlich eine Wildgans? In einem einschlägigen online-Lexikon lese ich: „Wildgans ist ein anderer Name für die Graugans… Graugänse zählen zu den häufigsten Wasservögeln … und sind die zweitgrößte Gänse-Art in Europa.“ Soweit alles klar. Aber: Was ist eine Wildgänsehaut? Erfunden hat diese - ganz offenbar - Melvin Haack, einer der Drei der Liedermaching-Gruppe »Schnaps im Silbersee«. Mindestens singt er davon und spielt - in für ihn bekannter "Manier" - mit Worten. Hier mit sogar nur zweien: eben besagten Wildgänsen und der Gänsehaut. Großartig!

Haack baut auf die lange und vielfältige Tradition, Vögel als Symbol im Lied zu nutzen. In der Romantik standen diese für Fernweh und Sehnsucht oder wie bei Ringelnatz z.B. konkret für die Beschwörung des Gegensatzes von virtuoser Nachtigall und dem Spatz als - laut Alfred Brehm - „erbärmlicher Sänger“. Ina Prellwitz aus Braunschweig erwähnt das in einer - hoch interessanten - literaturwissenschaftlichen Abhandlung (Juni 2017) über »Vogelmotive in Songtexten der Liedermaching-Szene« und schreibt: „Ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit, das Vögel verkörpern, dient … als Wunschbild/Projektion von Hoffnungen.“

Bei Melvin Haack klingt das auch an, aber: Er spannt den Bogen weiter. Viel weiter. Er spannt das - Achtung: wieder ein Wortspiel ;-) - "Sprungfederkleid" und schaut in die offene und weite Zukunft:

lange genug das fenster zur welt nur geputzt
lange genug meine schwingen gefaltet gestutzt
dies fenster zur welt, es schwingt auf und es wird mir zur tür
ich weiß nicht wohin, doch ich weiß, ich war lang genug hier

Nachdem - zu Beginn des Liedes - der Wind ihm zu verstehen gab, er „… hätte selber auch flügel“, ist nun der Punkt erreicht, da Melvin Haack seinerseits dem Wind selbstbewusst zu verstehen gibt, „ich hätte nun selber auch flügel“. Also: nie wieder „im stillstand rotieren“ … und schon gar nicht zu zweit. Ist hier noch eine unglückliche Liebe "versteckt"?

»Wildgänsehaut« ist ein Ohrwurm. Für mich ist es ein eher untypischer Song für Schnaps im Silbersee. Oder anders gesagt: außergewöhnlich als (offizieller) Abschluss der nagelneuen, zweiten CD »Synapsensilvester« des Berliner Trios. Wenn es eine klare Unterscheidung von "Liedermaching" und "Liedermacher" gibt, dann ist »Wildgänsehaut« ein typisches Liedermacher-Stück mit langem Vorspiel und wunderbar sparsamer Instrumentierung: Gitarren, die einerseits "häkeln" und andererseits Akkorde "schlagen", was das Zeug hält, ein angenehm zurückhaltender Bass sowie eine von Judith Retzlik einfühlsam - gezupfte und gestrichene - Geige und ganz zuletzt ein paar Takte Cello von ihr.

Unbedingt hören!


Weitere Informationen:
www.schnapsimsilbersee.de

Prosodia

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