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Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
und geben – ob sie nun (oder nicht) mit unserer aktuellen Bestenliste korrespondieren –
einen Einblick in die Einschätzungen (und Vorlieben) der Jurymitglieder.

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Febr 2018
Michael Lohse, Köln

Robert Rotifer: Die Fehler

Album: Über uns

Ohne den Brexit wäre dieses Lied wohl nie entstanden. Als Ernst Molden seinen alten Freund Robert Rotifer fragte, ob er nach so vielen Jahren in England für sein Label nicht mal ein Album in seiner Heimatsprache aufnehmen wolle, rechnete er sich kaum Chancen aus. Die überraschende Zusage erklärt sich Molden so: „Nach und nach erst begriff ich, dass es diese Entscheidung der Engländer war, doch nicht so wirklich zu Europa zu gehören, die Roberts Verstörtheit, seine Trauer und seinen Zorn und damit die Songs hervorbrachte, die ich hier in Wien hören konnte.“

Gleich im ersten Stück des Albums hält Rotifer der menschlichen Gattung gnadenlos ihre Schwächen vor. „Da sind die Fehler, die dir manchmal unterlaufen“, heißt es zu Beginn jeder Strophe. Dann beschreibt er in immer stärkeren Bildern die Halbheiten, derentwegen wir uns irgendwann auf einem Gleis wiederfinden, für das wir uns nie bewusst entschieden haben: „Den Mantel, den du trägst, wollt’st du dir gar nicht kaufen“. Oder er spielt an auf die Gewohnheiten, mit denen man sich durch die Tage rettet und deren Folgen man verdrängt: „Du ertappst dich auf den Stiegen beim Verschnaufen () und rollst dir trotzdem ein Gerät“. Er benennt das kleine Scheitern an den eigenen Ansprüchen: „Du schreist mit Kindern, die am Sonntagabend raufen / Das Gefühl noch in den Knochen / Vom Verenden schwerer Wochen“. Und all diese in ihrer Alltäglichkeit doch so menschlichen Fehler bekommen in der letzten Strophe eine Wendung ins Apokalyptische: „So gehen die Fehler, wo wir dann am Ende draufgehen.“ Wenn sich nämlich die tägliche Gleichgültigkeit in einer fatalen Spirale summiert zum moralischen Ausverkauf: „Eine Zeitlang macht es gar nicht so viel Aufsehen / Wenn vor der Tür Faschisten stehen / Und sich die Zimmerpflanzen drehen / Fehlt einem bald einmal die Energie zum Aufstehen“.

Auch in seiner Heimatsprache zeigt der Sänger und Musikjournalist, wie mustergültiges Songwriting geht: Von der kleinen Beobachtung hangelt er sich zum großen Ganzen, vom Detail zur Politik. Rotifers Sprache mit ihrer Mischung aus poetischer Kraft und politischer Botschaft lässt einen an Brecht oder Enzensberger denken. Die wienerische Färbung ist noch immer unüberhörbar. Ihm gelingen Verse und Melodien, die hängen bleiben, nur zur akustischen Gitarre gesungen mit dieser warmen und doch leicht brüchigen Stimme, in der sich die Ungewissheit spiegelt – die private wie die des Kontinents.

Popmusik und Politik sind für Robert Rotifer keine unvereinbaren Gegensätze – weder in seinem Leben noch in seinem Werk. Seine Großmutter war eine kommunistische Widerstandskämpferin, sein Vater der einflussreiche SPÖ-Politiker und langjährige österreichische Finanzminister Ferdinand Lacina. 1997 zog der Britpop-Jünger in seine Traumstadt London, Mitte 20 war er da, und wurde schnell zum Teil der britischen Musikszene, auch wenn er stets ein berufliches Standbein in Österreich behielt als Musikjournalist und Moderator von FM4. .

Heute aber deprimiert ihn die Entwicklung seiner Wahlheimat zutiefst. Denn wo es „schon als unverfroren gilt, dass Leute, die anderswo her sind, genau so viel wert sind“, wie es an anderer Stelle auf dem Album heißt, hat der Populismus gewonnen. Dabei war Rotifer einst ausgerechnet dorthin geflohen vor der geistigen Enge seines heimatlichen Kosmos Wien, hatte den Sprung über den Ärmelkanal gewagt auf der Suche nach neuen Horizonten und sich in Canterbury mit seiner Familie ein neues Zuhause aufgebaut. Nun lastet einerseits der Brexit auf seiner Emigrantenseele, andererseits bewahrt ihn die FPÖ-Regierungsbeteiligung vor allzu viel Heimweh. Auf diese doppelt deprimierende Situation reagiert Rotifer mit dem zwar resignativen, aber wunderschönen Album »Über uns«, das viel zu klug ist für den moralischen Zeigefinger und gerade deshalb unter die Haut geht.


Weitere Informationen:
http://robertrotifer.co.uk

bader molden recordings

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