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Die persönlichen Empfehlungen stammen von unserer Jury
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April 2019
Nikola Pfarr, Berlin

Die Türen - Ich bin eine Krise

Album: Exoterik (Vinyl)

Mit wenigen Worten viel sagen können nicht viele, Die Türen schon.

Keine Zeit, keine Liebe, kein Glück – mit dieser nüchternen Aufzählung beginnt das Lied Ich bin eine Krise der Berliner Band Die Türen. Lediglich um die Variable „kein Geld“ und die titelgebende Parole „Ich bin eine Krise“ erweitert, war es das schon an der Textfront. Immerfort wiederholt gesprochen und nur selten gesungen verbindet sich der Text in Kombination mit der Musik zu einer genialen Collage der Tristesse und wird fast zu einem minimalistischen Mantra. Und wie es sich für eine echte Krise gehört, ist die musikalische Grundlage ein Blues. Der lässig-entspannte Cha-Cha-Rhythmus steht dabei höchstens beim ersten Hören im krassen Gegensatz zum wenig optimistischen Text.

Gute Musik verlangt den Hörer*innen auch mal Arbeit ab, so auch hier. Anders als bei Kollegen wie zum Beispiel dem Bandkollektiv Arbeitsgruppe Zukunft, das als musikgewordenes Demoplakat seine Gesellschaftskritik unverhohlen nach außen trägt und wortreich illustriert, muss man sich bei Ich bin eine Krise die tiefe Bedeutung selbst suchen. Das Stück ist textlich denkbar asketisch gestaltet, aber gerade durch die vermeintliche Einfachheit trifft der Text den Kern. Gedanken, die sich im Kreis drehen und Missstände, die sich auf diverse Lebensbereiche erstrecken, sind schließlich klassische Krisensymptome.

Musikalisch lässt sich die Gruppe um Sänger und Labelchef Maurice Summen schwer festnageln und wandelt zwischen Punk, Krautrock, Industrial, Techno und Psychedelic Rock, was immer wieder überrascht und nie langweilt.

Die Türen, deren erstes Album zur Gründung des Labels Staatsakt geführt hat, haben im Januar ihr langersehntes fünftes Album mit dem Titel »Exoterik« veröffentlicht, mit dem die Band in 19 Stücken den Hörer*innen ein opulentes Großwerk präsentiert. Neben Ich bin eine Krise finden sich dort auch Titel wie Welthundetag oder Miete, Strom, Gas – beim Hören wird deutlich, dass das Album mehr als die Summe seiner an sich schon sehr guten Teile ist. In seiner Gesamtheit ist »Exoterik« ein kluges und musikalisch anspruchsvolles Album, das der perfekte Soundtrack für diejenigen ist, die zwischen den Herausforderungen und den Absurditäten des postmodernen Lebens navigieren müssen.


Weitere Informationen:
www.dietueren.de

Staatsakt

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