„Die Welt sieht aus wie frisch gewaschen / Wer sich gut gesonnen ist, geht raus / Wühlt sich aus den leeren Taschen / Freizeit-Euros mit der Faust“ – mit diesen Zeilen begrüßt Betancor die Hörer und Hörerinnen auf ihrem neuen Album. Das klingt zunächst einmal ein wenig schräg und skurril. Sie selbst sieht ihre Texte als pointierte Dichtung im Spiegel der Gesellschaft. Was sie damit meint, erschließt sich der geneigten Hörerschaft jedoch erst nach mehrmaligem Hören ihres Werks. Nicht nur aufgrund des leider fehlenden Booklets: Betancor kann man nicht nebenbei hören – Text und Musik erfordern volle Aufmerksamkeit.
Ansonsten geht man auch ihrer wunderbar komischen Einfälle verlustig, die es auf Kein Island zuhauf gibt. Wie etwa in „Fallobst“: „Fallobst fällt hauptsächlich von Bäumen / Liegt meistens rum, hat immer einen Stich / Fallobst findet man nie in Räumen / Und ist der Wurm drin, dann isst man Fallobst nicht“. Im Verlauf des Songs (der als langsamer Blues daherkommt) gibt sie zu, dass sie auch von anderen Dingen singen könnte, denn „Fallobst interessiert doch keine Sau / Nur ich als Frau, Frau die ich bin / Beschäftige mich gern mit solchen Dingen / Ich als Frau find’ so was richtig gut“. Dass sie sich aber genau mit einem solch „selten blöden Thema“ beschäftigt, hat mein Interesse an dieser ungewöhnlichen Künstlerin geweckt.
Wer oder was also ist Betancor? Im „kollektiven Langzeitgedächtnis“ (besser bekannt als Internet) fand ich zumindest einige Antworten auf meine Fragen. Bevor Susanne Betancor auf Solopfaden wandelte, war die Multiinstrumentalistin unter anderem bei Helge Schneiders „Muttertag-Five“ und Herbert Knebels Affentheater tätig. Später machte sie sich als Komponistin, Texterin und Schauspielerin für das College of Hearts in Berlin einen Namen und 1995 ging sie mit ihrem ersten Soloprogramm auf Tour. Aus dieser Zeit stammt auch ihre selbst gewählte Berufsbezeichnung: Popette, die sie als Negation der Chansonette erfunden hat. Die Popette ist nun, wie sie selbst sagt, in den Hintergrund getreten. Auch, weil sie immer wieder falsch, nämlich frankophil, betont wurde. Das hat Betancor genervt. Zumal sie von Geburtswegen Halbspanierin ist. Dieser Seite hat sie im Übrigen 2006 auf ihrem Vorgänger-Album Hispanoid Raum gegeben. Doch nun „war (es) wieder höchste Zeit für eine deutsche Platte. Und als wär’ das nicht genug, war es auch Zeit für eine Balladenplatte“.
Kein Island ist ihr auch rundum gelungen. Insbesondere für diejenigen, die, sagen wir mal, eher ungewöhnliche Texte mögen. Und davon hat Betancor jede Menge zu bieten: „Weiß nicht, aber jemand randaliert in meinem Gehirn / Räumt ständig um, verkabelt neu, schickt mich zum kopier’n“ heißt es in da in einem Lied und „Ich wär so gerne wieder da, wo ich herkäme / Würde lieber wieder bleiben, wo ich war“ in einem anderen. Selbst nach mehrmaligem Hören entdeckt man immer wieder neue Sprachspielereien in den Stücken der Wahl-Berlinerin. Wohltuend auch die kongeniale Symbiose von intelligentem Humor mit Jazz- und Blueselementen, für die sich neben der Protagonistin (Piano & Trompete) insbesondere Dirk Berger (Gitarre) und Joe Bauer (Perkussion) verantwortlich zeichnen und die der Platte das gewisse Etwas verleihen.
Wie war doch im Begleitschreiben dieser CD zu lesen? „Dies ist meine neueste Veröffentlichung. Fast 51 Minuten exquisit polytonaler Kammerpop by Betancor in Deutsch. Und nicht nur, dass ich stolz bin und mich freue, ich bin auch überzeugt, dass diese Platte gelungen ist, wertvoll und Freude transportiert.“ Dem will ich nicht widersprechen. Im Gegenteil.
Die persönliche Empfehlung CD – Februar 2012 Betancor – Kein Island Kurtmusik/Popappeal (www.betancor.de) Empfohlen von Dieter Kindl, Kassel |