Dass König Fußball entthront ist (wie Schobert und Black einst sangen), davon kann derzeit keine Rede sein. Im Gegenteil. Am 11. Juni hat er wieder einmal das Zepter übernommen und bestimmt seitdem den Tagesablauf der Fußballbegeisterten. Das damit einher gehende „Fußballfieber“ wurde allerdings schon vor Monaten entfacht. Seitdem tummeln sich im Einzelhandel allerlei Waren des mehr oder minder täglichen Bedarfs, die mit einem Bezug zu der Meisterschaft den Umsatz steigern sollen. Und die Strategie geht auf. Sehr gut sogar. Selbst die Sammelbild-Tütchen aus meiner Kindheit sind wieder da.
Mit denen beschäftigt sich auch der Berner Liedermacher Oli Kehrli auf seinem Debütalbum We Meitschi Buebe... In dem Lied „Darwin“ erzählt er von der Faszination, den diese Klebebildchen bis heute auf ihn ausüben. Von Sucht ist da die Rede, von Verlangen, gar von Rauschzuständen, den diese Sammelbilder bei ihm auslösen. Und dass trotz hoher Preise und schlechter Bildqualität. Geblieben sind ihm auch Erinnerungen: an das angsteinflößende Gesicht von Paul Gascoigne oder an Andres Escobar, der einst bei den Berner Young Boys, seinem Heimatverein, spielte. Und daran, dass ihm jedes Mal Rummenigge in seiner Sammlung gefehlt hat, er dafür aber andere Spieler mehrfach hatte. Viel Geld hat er ausgegeben für seine Fußball-Alben. Geld, das er vielleicht anderweitig eher gebraucht hätte. Darwin verdankt er es, dass er trotz alledem kein schlechtes Gewissen haben muss. Schließlich sind Männer schon seit Urzeiten Sammler. Und Jäger. „Aber da möcht ig hüt nid i ds Detail gah“ meint er zum Schluss.
Eine schöne Geschichte, die selbst mich fast zum Fußballliebhaber werden lässt. Übrigens: Nur eine von 25 auf seinem Erstlingswerk. Auch denen hört man an, dass Oli Kehrli mit den Liedern von Jakob Stickelberger und Mani Matter groß geworden ist. Geprägt sind seine Chansons von der Liebe zur Heimatstadt Bern, zu seinem Fußballklub sowie zur Frauenwelt und bieten reichlich „Stoff für romantische, leidenschaftliche und manchmal auch provozierende Gedankenspiele“ wie es in der Berner Zeitung hieß. Begleitet wird Oli Kehrli auf We Meitschi Buebe... von Chrigu Fluri an den Percussions und dem Kontrabassisten Tevfik Kuyas, der den Chansons den richtigen Groove verpasst. Die neue Stimme aus Bern ist übrigens nur nebenbei Liedermacher. Tagsüber arbeitet er mit Kindern, nachts als Barkeeper und die Wochenenden widmet er ganz seinem Fußballverein. Und genau jener „Alltag“ dient ihm als Inspirationsquelle für seine Lieder. Für mich ist Oli Kehrli jedenfalls die Neuentdeckung in diesem Jahr.
Die persönliche Empfehlung Lied – Juli 2010 Oli Kehrli – Darwin Auf: Oli Kehrli – We Meitschi Buebe... Chop Records (www.chop.ch) Empfohlen von: Dieter Kindl, Kassel |