Liederpreis der Liederbestenliste 2016: Manfred Maurenbrecher – Kiewer Runde

17. 9. 2016

Liederpreis der Liederbestenliste 2016: Manfred Maurenbrecher – Kiewer Runde

Laudatio von Michael Kleff auf Manfred Maurenbrecher und sein Lied „Kiewer Runde“, das den Liederpreis der Liederbestenliste 2016: erhält, gehalten am 17. September 2016 im Mainzer Unterhaus.

(es gilt das gesprochene Wort!)

Liebes Publikum, liebe Mitwirkende, liebe Jury – und natürlich lieber Manfred! Ich will mich nicht lange bei Deinem künstlerischen Lebenslauf aufhalten. Doch so viel sei gesagt und dabei – ich bitte um Entschuldigung – wechsle ich zwischen dem Du und der dritten Person einfach einmal hin und her.

Manfred Maurenbrecher. Der Sänger und Pianist ist Liedautor nicht nur in eigener Sache. Sondern auch unter anderem für Ulla Meinecke, Katja Ebstein, Spliff, Herman van Veen, Renan Demirkan und Veronika Fischer. Als Autor arbeitet er auch beim Theater, beim Fernsehen und als Rundfunkmoderator. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass der gebürtige Berliner promovierter Philologe ist. Auch die Liste der Ehrungen ist lang. Dazu gehören unter anderem der Deutsche Kleinkunstpreis, der Deutsche Kabarettpreis und der Preis der Deutschen Schallplattenkritik.

In vielen Artikeln über Manfred Maurenbrecher leider meist unerwähnt ist die Tatsache, dass er mit heute bereits drei Mal den Liederpreis der Liederbestenliste bekommen hat. 2010 war es das Lied „Hoffnung für alle“, das von der Jury ausgezeichnet wurde. Und 1998 wurde er für den Titel „Wessi“ geehrt. Ich durfte damals die Laudatio halten. U. a. habe ich vor nunmehr achtzehn Jahren gesagt: „Maurenbrecher tritt nicht, wie so viele andere, mit erhobenem Zeigefinger auf, sondern … als Chronist, als Beobachter.“ Und weiter im Zusammenhang mit den in „Wessi“ beschriebenen Eindrücken, Zitat „Wer Maurenbrechers Reiseeindrücke … gelesen hat, erfährt mehr über die deutsch-deutschen Befindlichkeiten als jede Politikereinschätzung oder jeder Zeitungskommentar uns mitteilen kann. Man muss nur bereit sein, ohne vorgefasste Meinung mit offenen Augen hinzuschauen und mit offenen Ohren hinzuhören.“ Eine bessere Brücke zu dem Lied, für das Du heute ausgezeichnet wirst, könnte es gar nicht geben.

Auch das Siegerlied „Kiewer Runde“ ist das Ergebnis einer Reise – dieses Mal in die Ukraine. Gleichzeit steht es für eine Erkenntnis, die Du als ständiger Chronist und Beobachter
offensichtlich gewonnen und wie folgt in einem Interview beschrieben hast – Zitat: „Angesichts dessen, was in der Welt geschieht, ist es mir einfach nicht möglich, nur poetische Texte zu schreiben. Es ist mir mehr als nur ein Anliegen, politische Themen zu verarbeiten, aber was ich nicht schätze, sind Aufforderungslieder, die vielleicht sogar zum Mitsingen gedacht sind.“ Was für ein Lied ist die „Kiewer Runde“ also nun?

Wie Franz-Josef Degenhardt in seinem Titel „Cafe nach dem Fall“ aus dem Jahr 2000 hat Maurenbrecher ein Lokal gewählt, das als Ort der Handlung seiner Protagonisten dient. Degenhardt wirft mit vielen Beteiligten eine Art kritischen historischen Rückblick auf deutsche Politik-, Geistes- und Musikgeschichte. Bei Maurenbrecher sind es nur drei Personen, mit deren Hilfe es ihm gelingt, wie mit einem imaginären Brennglas anhand eines aktuellen politischen Konflikts – dem um die Ukraine und die Krim – zentrale Probleme unserer Gesellschaft offenzulegen.

„Ich bediene die Massen, die brauchen einen massentauglichen Bericht.
Ein irres Feindbild macht sich gut.
Nach Wahrheit suchen, bringt nur böses Blut“

Denken Sie bei diesen Zeilen nicht auch an die umstrittene Berichterstattung in unseren Medien? Oder an die Politik, wenn es bei Maurenbrecher einerseits heißt:

„Wir regieren hier die Massen, und die brauchen eine massentaugliche Politik, …
die woll´n ja eigentlich immer nur ihr primitives privates Glück.“

Und eine dritte Stimme sagt:

„Wir zaubern Massen von Moskau her, wir ha´m den dazu passenden Traum,
die weiten breiten Massen woll´n immer gut beschäftigt sein, sonst beherrscht man sie ja kaum.“

Gnadenlos rechnet Maurenbrecher mit der Propaganda aller Beteiligten ab. Denn weder Medien noch Politiker haben uns, der Öffentlichkeit gegenüber, die eigentlich wichtigen Fragen nach den Ursachen für die dramatische Eskalation der politischen Spannungen in der Ukraine gestellt. Wie zum Beispiel:

Welche Rolle spielte dabei die EU, welche Interessen verfolgte sie insbesondere mit ihrem Assoziierungsabkommen? In welcher Weise wurden grundlegende und legitime wirtschaftliche, politische und kulturelle Interessen Russlands verletzt? Welchen Anteil hatte die Europäische Union, neben den Akteuren aus den USA, am umgesetzten Szenario auf dem Maidan und dem daraus resultierenden Putsch gegen eine legitime Regierung? Warum konnte die russische Regierung die Proteste in der Ukraine für ihre Politik gegen Intellektuelle und gegen die Opposition im Land so einfach ausnutzen?

Es mag nach Selbstironie klingen, aber auf mich wirkt es sehr ernst, wenn Maurenbrecher am Ende dann letztendlich den Finger auch auf uns zeigt, wenn er sagt:

„Ich sing für Massen, und brauch natürlich ein massentaugliches Lied.“ Heißt für mich, wir müssen auch unseren Beitrag leisten, dass Medien und Politik uns nicht weiter für dumm verkaufen, sondern die Wahrheit sagen.

Genial ist nicht nur Maurenbrechers Fähigkeit, Kurzgeschichten in Lieder zu fassen – wofür die „Kiewer Runde“ Zeugnis ablegt. Sondern auch seine Kompositionstechnik. Auf dem Album „Rotes Tuch“ schaffen Andreas Albrecht, Marco Kärgel und Tobias Fleischer einen Klangteppich, der perfekt zu Maurenbrechers rauer Stimme und seinem Tastenspiel passt. Doch da seine Songs meist am Klavier entstehen, kann er sie auch bei Konzerten problemlos solo spielen. Davon werden wir uns alle gleich beim Liederfest hier im Mainzer unterhaus überzeugen können.

Manfred Maurenbrecher ist einer der wenigen Künstler der Liedermacherzunft, bei denen politische Inhalte nicht Attitüde sind, sondern Haltung. Und Haltung gehört auch dazu, sich in diesen Zeiten zu einer angeblich antiquierten Kunstform zu bekennen. Zitat: „Die CD ist eine sterbende Kunstform – es mag viele überfordern, sich eine gute Stunde lang Musik mit Text in einem Rutsch anzuhören –, aber ich finde, diese Überforderung ist nichts Schlimmes. Sondern toll.“

In diesem Sinne, lieber Manfred, herzlichen Glückwunsch zum Liederpreis 2016 der Liederbestenliste!