Persönliche Empfehlung Album

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Album ab und begründet diese schriftlich.

FEB 2023  Michael Laages, Hannover

Susanne Riemer & Wilhelm Geschwind - unverpackt

Zwei starke Schultern

"unverpackt" von Susanne Riemer & Wilhelm Geschwind (The Orchard/Sony/Broken Silence/DMG 54.218254.2)

Zielstrebig führt der Titel in die Irre; dann was immer die Kölner Sängerin und Trompeterin (!) Susanne Riemer da vorlegt im Duo mit dem Gitarristen und Arrangeur Wilhelm Geschwind, ist vor allem und immerzu eins: verpackt! Jazz verpackt in Chanson, Chanson verpackt in Jazz … und dass Partner Geschwind ein "Gitarre-Bass-Hybrid" spielt, also ein technisch trickreich konstruiertes Mix-Instrument, ist nicht nur ein markantes Detail. Für die "Brass-Sound-Creation"-Trompete von Susanne Riemer gilt das ja auch - "hybrid", also miteinander vermischt und ineinander verpackt, ist hier eigentlich alles.

Susanne Riemer, Jahrgang 1972, war schon mal Pionierin - mit 19 gehörte sie (als wahrscheinlich erste Frau) zum BuJazzO, dem Bundesjazzorchester, das Peter Herbolzheimer vier Jahre zuvor gegründet hatte als wichtigste Förder-Institution für junge Musikerinnen und Musiker, die Karriere machen wollten im großen Jazz-Ensemble; Gitarrist Geschwind steckte zu der Zeit mitten in der Ausbildung zum Dozenten auf dem eigenen Instrument. Das Duo der beiden ist seit 2017 aktiv, und das gemeinsame "unverpackt"-Projekt jetzt ist damit auch eine kleine Bilanz sehr abwechslungsreicher Karrieren ... Geschwind blieb immer ein gefragter Instrumental-Dozent, Riemer studierte Trompete bei Uli Beckerhoff in Essen und gehörte danach zu Helmut Zerletts Band in der Harald-Schmidt-Show genauso wie zu Angelika Niesciers wegweisendem "Womens Jazz Orchestra". Klavier und Komposition wuchsen sich derweil vom Nebenfach an der Folkwang-Hochschule in Essen zum zweiten Standbein aus: Susanne Riemer komponiert und singt Chansons und "verpackt" sie in virtuoser Blasmusik, die Geschwind arrangiert.

Diese zweite starke Schulter ist für die "Liederbestenliste" entscheidend - Susanne Riemer schreibt kluge, manchmal leicht sentimentale Texte und singt die mit kraftvoller, emotional versiert getönter und abwechslungsreich gewichtender Stimme; ob sie sich nun um die Geschichten und Geschicke der Freundinnen in der "Damensauna" kümmert oder um die Kölner Lokal- und Karnevals-Legende Willi Ostermann, dessen "Heimweh nach Liederbestenliste Dezember 20222 © Deutschsprachige Musik e.V. Kölle" die "unverpackt"-CD beschließt. Und mittendrin breitet sie (im Bläserinnen-Chor mit sich selber auf verschiedenen Instrumenten!) die Künste als Trompeterin aus; "Dem Jupp se Bejrävnis" klingt wie Trauermusik in good old New Orleans.

Auf Jazz- wie auf Song-und-Chanson-Terrain wird Susanne Riemers Musik also zum Ereignis. Und mit Partner Geschwind ist eine Produktion gelungen, die in beiden Musik-Abteilungen höchste Punktzahlen erreichen und ganz viel Begeisterung auslösen sollte: in der Liedermacherei wie im Jazz. Das ist sehr selten - und darum (und als Zugabe) ein Ereignis für sich.
Michael Laages

Mehr Informationen: www.jazz-trompeterin.de

JAN 2023  Petra Schwarz, Berlin

Maria Schüritz - Der Lack ist ab

Diese Stimme - und wie Maria sie mit ihrer schier unbändigen Sanges-Freude zu
"modulieren" in der Lage ist - zieht mich in ihren Bann. Das birgt eindeutig Sucht-Gefahr!
Schon ohne, dass ich - die ich Lieder immer sehr textzentriert höre - auf nur eine
Textzeile gehört habe. Aber dann kommen noch: außergewöhnliche Texte und höchst
vielfältige Kompositionen nebst Arrangements, die Maria zusammen mit dem Multi-
Instrumentalisten Ali Krause (u.a. ehemals Alin Coen Band) zaubert, der auch das
Recording und Mixing für die CD gemacht hat. Auf dieser Scheibe sind Ohrwürmer ganz
verschiedener Natur versammelt, die man einfach hören muss - so viel sei zu Beginn
dieser Zeilen schonmal "in Stein gemeißelt".

By the way:
Ein Ohrwurm taucht tatsächlich wortwörtlich auch in einem der nur ganz wenigen nichteigenen
Song-Texte auf dieser CD auf: nämlich in "Ohrwurm und Taube" von Joachim Ringelnatz.

Grundsätzlich:
Noch klarer als sonst, wenn ich Worte zur "Beschreibung" von Musik verwende, wird mir
hier die "Dürre" von Worten schmerzlich bewusst. Trotzdem noch ein paar davon: Maria
Schüritz ist "eingeborene Leipzigerin und umtriebiges Urgestein der Liedermacher(innen)-
Szene." Sie gehört zum "aktiven Kernteam" des 2017 gegründeten LEIPZIGER
LIEDERSZENE e.V., wo "Alt-Folkloristen neben Nachwuchsliedermacherinnen und
Weltmusik-Ensembles" stehen." Gut so!

Mit "Der Lack ist ab" ist nun gerade ihre vierte CD erschienen. Auf der ersten - 2013 -
waren englische Texte zu hören, danach kamen 2017 "Kopfkino" und 2019 "Ich, dein
Wahnsinn" - damals schon in der "Liederbestenliste" gut platziert.

Hervorheben möchte ich - sehr gut dramaturgisch auf dem Album gesetzt - "Arabesque I
und II" - ein 9-minütes Werk. Ja wirklich: ein Werk. Maria, die hier gekonnt Sprechgesang
einsetzt, nimmt uns in "I" an beliebte Ferienplätze wie Granada, Rhodos, Marrakesch oder
Antalya mit. Man fühlt sich - auch stark musikalisch dominiert - direkt vor Ort in der
"arabesquen Welt". Datiert: Mai 2014. Aber nach diesem Urlaubsfeeling kommt "II". Maria
beschreibt hier ihre Erlebnisse im Spätsommer 2015: Sie steht in Süditalien vor einem
Liederbestenliste Dezember 20222 © Deutschsprachige Musik e.V.

Denkmal für ein gesunkenes Flüchtlingsboot und hört von der Abschottung von
Flüchtlingen aus Albanien in Lager hier im Süden Italiens. Später im Hochsommer 2018
sieht sie in Valletta, der Hauptstadt von Malta, die "Mission Lifeline", Seenotrettung aus
Dresden, und im Herbst 2020: Zuhause in Leipzig, verfolgt sie einen Bericht über den
Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria... und weint ... und spendet ... und weiß
nicht, womit sie sinnvoll helfen kann. "Vielleicht damit, es immer wieder anzusprechen?
Oder hat am Ende doch der recht, der sagt, Lieder können nichts bewirken?"

Gerade, Ende November 2022, hat Maria Schüritz in Hoyerswerda beim "Liederfest
Hoyschrecke" den Jury-Preis bekommen. Anlässlich dessen habe ich sie in einem
Interview gefragt, warum das Thema der aktuellen CD einer End-Dreißigerin "Der Lack ist
ab" ist? Ihre Antwort: "Das ist eine Zeit, in der man die ganzen Märchen von der perfekten
Beziehung, der perfekten Arbeit, die glücklich macht und von all diesen Dingen mal
durchhat. Liebe ist nicht perfekt. Arbeit und Geld machen nicht glücklich. Das ist jetzt der
Moment, wo man unter den Lack schaut. Ich meine das auch positiv: Die Märchen sind
weg und das ist die Welt wirklich. Wir können mit der Welt, die wir hier haben, zufrieden
sein. Aber nicht mit den Märchen, die uns erzählt wurden."

Schon 2017 las man in der Presse über Maria Schüritz: "... wunderbare Ohren-, Herzund
Hirn-Erfreuer, angenehm komplex und dabei nicht anstrengend."
Ja, genau! Daran hat sich glücklicherweise nichts geändert.

Mehr Informationen: https://www.maria-schueritz.de/

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