Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

OKT 2022  Wolfgang Rumpf, Bremen

Johanna Zeul - Du und ich

Dass es gerade in so unruhigen Zeiten wie diesen noch gelingt, ein heiteres, aufmunterndes Liebeslied zu schreiben, das stellt die Sängerin und Liedermacherin Johanna Zeul überzeugend unter Beweis. Die einstige Absolventin der Popakademie Baden-Württemberg, die 2006 zu Beginn ihrer Karriere den Rio-Reise-Songpreis bekam, schafft es in "Du und ich" einen Gute-Laune-Song zu präsentieren, der zu einer dynamischen Reise ans Meer oder in die Berge einlädt und von einer romantischen Beziehungswelt schwärmt, aber auch kritische Untertöne zum Klimakollaps aufscheinen lässt - engagiert sich die Künstlerin doch bei Greenpeace und Fridays for Future: "Der Ozean schaut mich an, wo man hier wohl noch was fischen kann. Wer bekomme den letzten Schatz, jeder muss zu essen haben, es wird eng und knapp."

Der Song beginnt mit einem harten Beat und mit vom Vocoder verfremdeten Backgroundchor, bevor Johanna Zeul mit klarer Stimme ihre Geschichte erzählt, im Bossa-Nova-Refrain geht dann endgültig die Sonne auf. Dass diese Ohrwurm-Passage nicht ins Schlagerhafte abgleitet, löst sie durch eingestreute Elektronikschnipsel, die sich am frech ironischen Ton der Neuen Deutschen Welle der 1980er orientieren. E-Piano-Akkorde und Synthesizerklänge zaubern wieder Wärme in den Songs, der gegen Ende fordert: "Heimat für alle, Essen für alle, Trinken für alle, Bildung für alle, Respekt für alle, Frieden für alle, Zukunft für alle."

Für diese weltumspannende Message braucht Johanna Zeul mit Bass, Percussion und Mixes gerade mal knapp drei Minuten.

Platz gibt.

Weitere Informationen: www.johannazeul.de

SEPT 2022  Harald Justin, Wien

Lilli Bandt - Nach Himmel fehlt machen

Das Schlagzeug scheppert dahin, zur E-Gitarre ertönt die Trompete, es wird georgelt, und dann ist da eben diese Stimme, die so waidwund melancholisch klingt, dass man sich von ihr, bzw. ihrer Eignerin, der Sängerin Lilli Bandt ein vertontes Telefonbuch wünscht.

Im anglo-amerikanischen Bereich der Tonkunst würde diese Stimme zu den großen zählen, zumindest dort, wo Bluesdiven soulig im Jazz eintauchen oder eine Billie Holiday und ein Bob Dylan auch als großartige Sänger gefeiert werden. Mit diesen Stimmen lässt sich aus einem "Uhu-Schubidu" große Kunst machen. In solchen Fällen könnte ich persönlich auf aufgeblasene, prätenziöse und schwersinnig befrachtete Lyrik mit Weltverbesserungsanspruch gerne verzichten. Was nicht heißt, dass Lilli Bandt auf den elf Pretiosen ihrer CD Distaenzerin nicht auch textlich überzeugen kann.

Das ist allemal feine Arbeit am Wort und am Klang. Am Schönsten gelingt ihr das auf dem Lied mit dem rätselhaften Titel "Nach Himmel fehlt machen". Ich müsste lügen, um sagen zu können, ich wüsste, um was es in diesem vernuschelt gesungenen, mitunter von der Musik überlagerten Text geht. Trotz mehrfachem Hören, nein, ich komme nicht wirklich dahinter, was mir die Künstlerin damit sagen will. Ist aber auch egal, ich liebe Rätsel. Letztendlich muss ich sogar gestehen, dass dieses wiederholte Sinnnachspüren gerade den Reiz des Songs ausmacht. Hatte ich, ehrlich gesagt, schon lange nicht mehr verspürt, diese Lust am mehrfachen Hören eines Liedes aus dem deutschsprachigen Raum, wo Texte, auf Deibel komm raus, belehrenden Sinn machen müssen und es für Leerstellen, Rätsel und Wunder und die Tonkunst immer weniger Platz gibt.

Weitere Informationen: www.silberblick-musik.de und www.lilli-bandt.de

AUG 2022  Petra Schwarz, Berlin

Christian Haase - Salz im Süßen (Die Sizilien-Session)

Es fiel mir wirklich schwer, mich für einen der elf Songs der neuesten CD von Christian Haase, kurz: Haase zu entscheiden. Letztlich ist es die "Gute Fee" geworden, die ich für die "Liederbestenliste" im August 2022 persönlich empfehle.

Gute Fee" - das klingt ja erst einmal so, als könne man sich von dieser Dame etwas erwarten. Aber: Es ist die "Gute Fee", die Haase "am Arsch lecken" soll - um es mit der 1. Refrain-Zeile gleich zu Beginn meiner Zeilen ganz direkt und unmissverständlich klarzustellen.

Haase kommt zu dieser drastischen "Aufforderung", weil alles, was er dafür getan hat, die "Gute Fee" als solche zu nehmen und zu verstehen, nichts gebracht hat. Nicht das nächtelange Diskutieren mit Ärzten, Priestern und Vätern; "Mit Opfern und mit Tätern. Mit Bettlern, Kindern und Fraun" und auch nicht der Versuch, neutral zu sein.

Haase lehnt die "Gute Fee" kategorisch ab und fordert sie auf, "... tritt nie wieder an mich ran. Weil ich´s wohl ohne dich besser kann". Das ist für mich der Schlüsselsatz. Warum? Weil auch ich immer schon davon überzeugt bin, dass eine "Gute Fee" oder welche "Macht" auch immer nichts, aber auch gar nichts bringt. Eben auch nicht der gute Ratschlag: "...Mit den leeren Abendkassen, den letzten Abend zu verprassen. Damit‘s doch noch gerecht zugeht in dieser neuen Realität."
Aufgenommen hat Haase die Songs dieser neuen Scheibe, also auch die musikalisch wunderbar treibende "Gute Fee" so, wie er in einem Solo-Konzert agiert:

Er hat alle Instrumente selbst (ein) gespielt: Tasten verschiedener Art einschließlich eines alten Synthesizers, Akustik- und E-Gitarre, Mundharmonika, Cajon und Rhythmus-Instrumente a la Tamburin oder Schüttelei. Grandios!

Das Ganze in den ersten Monaten dieses Jahres abends und nachts vor dem Kamin - nachdem er tagsüber auf seiner Plantage auf Sizilien gearbeitet und zentnerweise Orangen geerntet hatte. Der Ende Februar beginnende Krieg Russlands gegen die Ukraine hat dabei - wie er in einem Video zur CD sagt - "eine weitere Prise Salz in mein persönliches Dolce Vita gebracht."

"Salz im Süßen" heißt das Album dann also auch nicht von ungefähr, auf dem die "Gute Fee" zu finden ist. Ich empfehle, eben diesen Song zu hören - genauso, wie alle anderen Songs auf dieser aktuellen CD des gebürtigen Leipziger "Liedschreibers und Sängers", den man auch als Texter, Komponist und Frontmann der Band "Die Seilschaft" kennt. Erschienen ist "Salz im Süßen" auf Haases eigenem Label (mit angeschlossenem Musikverlag) hTMV.

Weitere Informationen: https://www.haase-band.de/

JULI 2022  Sebastian Lenth, Alsfeld

Iske - Glück als Verstand


Eines vorweg: Ein großes Lob an Mark Smith. Die Produktion von Klang und Arrangement sind sehr gelungen. Da hat jemand nicht nur Ahnung, sondern kreatives Geschick.

Aber nun; "Glück als Verstand" - ein Song, ganz im Stil einer Ballade richtet den Blick zurück. 62 Jahre voller Sorgen und Ereignisse. "Mauer, Öl – und Kubakrise, Kalter Krieg und knapp verschont / Tschernobyl und Saurer Regen, Club of Rome, Mann auf dem Mond / Mauerfall und 9/11. Viren, Blasen, Weltfinanz / Flucht und Furcht und Meeresspiegel / Sechs Jahrzehnte Affentanz".

Bei all dem Schicksal, welches einen in den letzten 62 Jahren hätte ereilen können, ist ein Blick zurück, um sich "mehr Glück als Verstand" zu bescheinigen eine Erkenntnis, die einem auch zu einem Ausruf wie "da habe ich (oder aber haben wir) aber Schwein gehabt" verleiten könnte. Eine jede Generation hat eben seine Sorgen.

Der Blick zurück schwingt in diesem Lied, der ganz im Zeichen der Liedermacherkunst steht, immer mit. Es ist ein Teil des Weges, auf den dieses Lied einen schickt. Der Text ist aber vielschichtiger - und das erneute Hinhören eine Anregung meinerseits. Egal ob Alt oder Jung!

Dreh – und Angelpunkt dieses Liedes ist für mich, auch nach dem dritten Mal hören, die Frage nach der "Nachspielzeit – und wenn wofür", die zu Beginn des Liedes gestellt wird. Sie richtet sich nicht nach dem Blick zurück, sondern stellt die Frage, welchem Ziel sich jemand seines restlichen Daseins widmen sollte. Für Ludger Iske ist die Sache klar - Musik & Text - sowie die Sorgen der folgenden Generationen. Diese Frage stelle ich mir auch. Und wie sieht es bei Ihnen aus?

Weiter Informationen unter MAMA MUSIC GROUP (mamamusic-group.com)

JUNI 2022  Michael Lohse, Köln

Keimzeit - Plastiktütenmann

Wer "Keimzeit" googelt, stößt leicht auf die Website eines Saatgut-Versands. Doch die Blumen der gleichnamigen Ostrock-Legende sind poetischer Art. Dabei dominieren nicht die romantischen Bilder. Auch wenn der Opener von Keimzeit&squot;s fulminantem Album zum 40jährigen Bühnenjubiläum mit dem harmlosen Satz beginnt: "Im Sommer blüht ein jeder Balkon."
Doch dann schlüpft Sänger und Songwriter Norbert Leisegang in die Rolle eines Mannes, der am Rand steht: Sein Balkon in der Plattenbausiedlung bleibt grau in grau. Sein einziges Hobby in dieser trostlosen Umgebung: Er sammelt Plastiktüten. Da schwingt das Mantra der Armen mit, die lieber nichts wegschmeißen, denn wer weiß, wofür es gut ist. Und der Protagonist des Songs ist zuversichtlich: "Der Tütenwert in Geld, man wird es bald schon sehen, steigt nach einem Plastiktütenverbot." Doch wer hier einen Spekulanten wittert, liegt falsch, denn verkaufen verstößt gegen seine "Sammlerehre". Auch Nachhaltigkeits-Erwägungen angesichts der Klimakrise spielen für ihn keine Rolle. Es geht um Sammeln als Lebensform.

Leisegang erzählt unaufdringlich die Geschichte eines skurrilen Typen aus der zweiten Reihe. Ohne plakative politische Botschaften wirft er den Blick auf Details, malt sich aus wie die Wohnung überquillt vor lauter Tütenstapeln. Die Zutaten dieses Songs - Trabantenstadt-Tristesse, Plastikmüll und Einsamkeit - mögen auf der Straße liegen, aber sie so präzise zu einer Geschichte zu verdichten, dafür braucht es einen Songwriter, mit dem Können und der Erfahrung eines Norbert Leisegang. Neben seinem Bruder Hartmut ist er der Einzige, der von Anfang dabei ist. 1982 im brandenburgischen Lütte gegründet, lief Keimzeit lange unter dem Radar der DDR-Kulturaufseher, spielte die Band 1988 erstmals im Radio. 1990 erschien ihr Debütalbum "Irrenhaus".

40 Jahre "Keimzeit" - da könnte einem kreativ schon mal die Puste ausgehen, doch auch wenn die Besetzung immer mal wieder gewechselt hat, Leisegangs poetische Inspiration ist auch mit 61 nicht versiegt. Und auch musikalisch präsentiert sich die Band bei "Plastiktütenmann" frisch und unverbraucht: Leisegangs markant helle Stimme steht im Vordergrund, legt sich entspannt über die funkige Basslinie. Reggae-Rhythmen an der Gitarre und ein atmosphärisch punktgenaues Trompetensolo runden den lässigen Sound ab. Dass sie im Rockvokabular der 80er Jahre zu Hause sind, können und wollen die Musiker gar nicht verleugnen. Warum auch? Erlebt dieses Jahrzehnt in Zeiten eines neuen heiß-kalten Krieges doch ohnehin gerade ein Comeback. Und mit ihrer Sensibilität für die Benachteiligten der Gesellschaft wird die kluge Stimme dieser Ostrock-Veteranen dringend gebraucht.

Weitere Informationen unter www.keimzeit.de

MAI 2022  Wolfgang Rumpf, Bremen

Claudia Fink - Über Wasser

Bislang war Claudia Fink als Künstlerin "Lucid" mit englischsprachigen Songs und einem Mix aus Pop, Folk und Jazz mit sehr viel Gespür für audiophile Feinheiten unterwegs, bis sie vor einigen Jahren den Kollegen Niels Frevert traf, der sie ermutigte, auch mal auf Deutsch zu texten und zu singen. Die Erfolgsgeschichten von Dota Kehr und Kitty Hoff und anderen Preisträgerinnen der Liederbestenliste mögen dabei auch eine Rolle gespielt haben, zudem zog sie auf der Suche nach neuen Impulsen von Frankfurt nach Berlin und kam in Kontakt mit der dortigen kreativen Kabarett- und Musikszene.

Dass Claudia Fink mit Piano, Gitarre und einfühlsamen Arrangements auch auf Deutsch überzeugt, zeigt der beeindruckende Titelsong ihres aktuellen gleichnamigen Albums "Über Wasser". Eingespielt wurde er mit kleiner Jazztriobesetzung (Benno Bruschke, Drums; Tim Roth, Kontrabass und Claudia am Wurlitzer Piano) auf dezente, feinsinnige Art und Weise. Zurückhaltendes Schlagzeug, ein jazzy hineinfunkendes Flügelhorn und das treibende Piano (mit Old School-Atmosphäre) verleihen dem Song einen intensiven Groove, dem Claudia Fink mit ihrer klaren und gut trainierten Stimme eine sympathische Verträumtheit einhaucht. Diese Stimmung passt auch perfekt zum Inhalt von "Über Wasser", geht es doch um ein heiter-optimistisches Plädoyer, den Kopf auch in schwieriger Zeit oben zu behalten. Dabei nutzt sie aber keine platte Symbolik, sondern kleidet ihre Message in ein poetisches Bild: "Ich zieh den Taucheranzug an, schwimm dir entgegen, mit Flaschen voller Lust, dich wieder zu beleben, ich bring Traubenzuckerdrops, dass wir das überstehen, lass uns nicht untergehen."

Im weiteren Verlauf des Songs dreht sich die Geschichte dann um: Dann bringt er, der Gerettete, ihr die Traubenzuckerdrops und sie sorgen gemeinsam dafür, dass sie nicht untergehen.
Nicht nur ein Appell, nicht aufzugeben, sondern auch ein Plädoyer für Zweisamkeit und Vertrauen. "Über Wasser" – ein feines Debut von Claudia Fink auf Deutsch.

Weitere Infos unter www.waterfallrecords.com

APR 2022  Michael Laages, Hannover

Der Black - Das Heidelied

Als die Stille kam

"Der Black" singt "Das Heidelied" auf der Doppel-CD "Dass wir so lang leben dürfen", einer Hommage an den niedersächsischen Schriftsteller und Lieder-Poeten Manfred Hausin
Wer im Heidestädtchen Bergen abbiegt in Richtung Wissen an der Aller, passiert zwei, eigentlich sogar drei wichtige Adressen – zuerst, am Beginn des Ortsteils Belsen, das Standort-Terrain von Bundeswehr- und Nato-Kräften, etwas später, noch am Rande des riesigen Geländes, die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen; dazwischen geht’s –was meist übersehen wird- auch zu jener Rampe, an denen die Güterzüge mit den Häftlingen ankamen, damals, auf den Extra-Schienen von Soltau her … Dieser Ort stiftet das Motto für "Das Heidelied". Von Schnucken, Bauernkaten und Heidekraut im August ist nicht die Rede – im Bergener Stadtteil Belsen wollte der Schriftsteller Manfred Hausin, Jahrgang 1951 und eigentlich gar kein "Liedermacher", in einem Gedicht die Ermordeten der Zeiten beschwören; in einem kleinen Epitaph.

"Der Black", einst neben Partner Schobert Schulz Teil vom vielleicht originellsten Duo der historischen Liedermacher-Zunft der 70er Jahre, hat Hausins Zeilen mit Musik versehen – und erzählt nun mit ihnen vom Moment, da "die Stille kam"; die immer dann eintrat (und eintritt!), wenn wieder einem oder einer in der historisch unüberschaubaren Menge von Menschen das Leben genommen wurde – und wird. Hausin beschwört die Opfer von Krieg und Gewalt über alle Zeiten hinweg; und Belsen wird zum beispielhaften Ort dafür.

Ein kleiner, durchaus bewegender Moment ist da im Lied entstanden – dieser Black, bürgerlich Lothar Lechleiter und nach zehn Jahren in einem Verlag, die der Zeit mit Schobert folgten, seit 2008 (und mit Beginn der Rente) zurück gekehrt in die Zunft der Liedermacherinnen und Liedermacher, singt klar und geradeaus, mit sorgsam dosiertem Pathos: keine Anklage, eher ein Bilanz-Buch jenseits von Illusion und Hoffnung wird da aufgeblättert. Immer wieder kommt die Stille und nimmt Leben mit Gewalt – daran will dieses kleine Lied erinnert haben.

Es ist Teil eines liebenswert eigenwilligen Projektes jenseits aller Moden, das den Schriftsteller Hausin ehrt; in Emmerke nicht weit von Hildesheim lebt er und wurde über die Jahrzehnte hin zur literarischen Institution im Norden. Für ihn singen Hausins Texte auch Joana und Kai Degenhardt, Bömmes und Stellmäcke, Paul Bartsch, Helmut Debus, der alte Hausin-Freund Hannes Wader – und eben "Der Black."
Michael Laages

"Dass wir so lang leben dürfen" - diverse Künstlerinnen und Künstler als Hommage an den Schriftsteller Manfred Hausin / 2 CD’s mit reich illustrierter Booklet-Dokumentation, erschienen bei Westpark Music (Katalog-Nr. 87415)
Weitere Informationen: www.westparkmusic.de / www.manfredhausin.de

MÄRZ 2022  Hans Jacobshagen, Köln

Köster/Hocker: Schäng 21

Der Schäng ist ein Kölner, ne Kölsche und hieße auf Hochdeutsch vielleicht Johannes. Also: Der Schäng sitzt zwischen seinen engen vier Wänden zu Haus und wartet zu Weihnachten auf seine Verwandtschaft. Sehnsüchtig blickt er nach gegenüber an die Ecke, wo seine Lieblingskneipe ist. Dort wird gesungen und Bier getrunken. Die Verwandtschaft kommt und geht dann auch wieder und dann kommt auch das Happy End für den Schäng. „Eng Wäng für de Schäng“ – dieses Lied aus dem Repertoire von Gerd Köster und Frank Hocker hat in Pandemiezeiten einen neuen Text bekommen: Es ist nicht die buckelige Verwandtschaft, die den Schäng in seine engen vier Wände zwängt, es ist das Virus. Die Kneipe gegenüber ist geschlossen und wenn sie wieder aufmacht, wird dort lediglich getestet. Es wird immer enger für den Schäng, so kauft er sich einen Hund zum Gassi gehen, denn seine Tierliebe ist legendär. So kann er auch noch nach 9 Uhr abends zum Skat. Irgendwann ist die Pandemie dann vorbei, ebenso wie die Tierliebe. Der Schäng kann wieder rausgehen. Doch auch jetzt macht die Kneipe nicht wieder auf. Er blickt von seinem Fenster aus nur noch auf einen Laden mit Hundebedarf.

Köster erzählt in diesem Lied an einem Beispiel, wie die Pandemie Menschen beeinflusst hat. Geradezu liebevoll schildert er das Schicksal des Schäng, das gleichnishaft für das Erleben aller in diesen Zeiten steht. Und wie die Seuche die kleine Welt jedes einzelnen verändert hat. Im Gegensatz zu den Folgen des lästigen Weihnachtsbesuches sind diese Veränderungen aber nachhaltig.

Das Schöne an dem Lied ist, dass Köster auf Grund der Pandemie nicht – wie es zur Zeit in etlichen Liedern passiert – den Weltuntergang beschwört. Aber er zeigt an der kleinen Geschichte vom Schäng, dass es drastische Veränderungen im Leben der Menschen gibt, denen wir alle so oder so unterworfen sind. Und die treibende fast fröhliche Musik dazu sagt: Es wird weitergehen!

Weitere Informationen: www.gerd-koester.de

JAN 2022  Petra Schwarz, Berlin

Barbara Thalheim - Ich war ich bin ich werde sein. Die Revolution.

Es ist in und für Deutschland ein geschichtsträchtiges Datum, wie kein anderes: der 9. November. „Die Ereignisse der 9. November aus den Jahren 1848, 1918, 1923, 1938, 1939,1989 - ja, und auch 1967 lassen vermuten: Wer die Lektionen seiner Geschichte nicht lernt, muss sie wiederholen!“ betont Barbara Thalheim. Sie hat sich intensiv mit diesem Datum und „dem Auf und Ab der deutschen Demokratie“ beschäftigt, ihr aktuelles Programm dazu jetzt auf die Bühne gebracht und – noch dazu in diesen Corona-Zeiten - auf CD veröffentlicht.

Der 9. November in Deutschland ist ambivalent. Nicht nur, weil an einem Tag - am 9.November 1918 - die Republik gleich zweimal ausgerufen wurde. Auch die „friedliche Revolution“ am 9. November 1989 hat bis heute durchaus Ambivalentes …
Der Song „Ich war ich bin ich werde sein. Die Revolution“ ist - nach dem „Einheitsfrontlied“ von Bertolt Brecht und Hanns Eisler aus dem Jahr 1934 - gleich das zweite Stück auf der CD. Eine trotzige Ballade auf Robert Blum. Robert - wer?

„Wer ist das? Gehört der zur Familie? Wer hat wen erschossen?“ fragte sich die Thalheim schon als 8Jährige. Damals war sie oft bei ihrer Leipziger Oma, die nach anstrengender Arbeit nicht selten ausrief: „Ich bin erschossen wie Robert Blum“.

Längst weiß die Thalheim: „Robert Blum war einer der wesentlichen Politiker seiner Zeit, der a m 9. November 1848 - mit gerademal Anfang 40 - hingerichtet wurde.“ Von ihm, dem Abgeordneten des ersten demokratisch gewählten gesamtdeutschen Parlaments, der Frankfurter Nationalversammlung, erzählt sie im Programm ausführlich und singt dann - mit dem von ihr bearbeiteten Text von Ferdinand Freiligrath (1851) und der eigenen Musik - über einen der führenden Köpfe der Demokraten, der sich für eine „republikanische Verfasstheit des deutschen Nationalstaates einsetzte.“ (Wikipedia)

Manche Zeilen hat Barbara Thalheim von Freiligraths Text „Die Revolution“ 1 zu 1 übernommen, sogar manche „Strophe“; Vieles aber hat Barbara Thalheim bearbeitet… und spätestens in der zweiten Strophe „ … und ob ihr mir die Lockenpracht von meinem Schädel schort …“ sehe ich die Künstlerin selbst mit ihrer Lockenpracht vor mir. Wie überhaupt „Parallelen“ zur Thalheim wohl nicht zufällig sind.

„Ich war ich bin ich werde sein. Die Revolution“ ist ein kraftvolles Werk. Der treibende Rhythmus fängt mich von der ersten Sekunde an ein. Die Gitarre dominiert (zunächst). Kein Wunder: Das Arrangement ist vom Gitarristen Rüdiger Krause (und der gesamten – wunderbaren – Band!). Aber auch die vielfältige Percussion von Topo Gioia bestimmt von Anfang an den Sound.
Die „NOVEMBERblues“-Lieder „bündeln das vorher Erzählte“, sagte mir Barbara Thalheim im Interview zur CD. Auf der Bühne erzählt sie (sehr) viel … und insofern ist es der Künstlerin ganz wichtig, dass es demnächst auch eine DVD mit dem kompletten Programm geben wird.
Ich finde: Schon die CD ist äußerst hörenswert … und mindestens den Song „Ich war ich bin ich werde sein. Die Revolution“ empfehle ich besonders.

Wer auf mehr mit Barbara Thalheim im Gespräch Lust hat: https://lebendig-reden.de/petra-schwarz-podcast-mit-barbara-thalheim/

Weitere Informationen: www.barbara-thalheim.de

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